Bloggen als Mittel zur Bestandsergänzung?

Hochschularchive, Öffentlichkeitsarbeit, Überlieferungsbildung

In den vergangenen Jahren haben sich eine ganze Reihe von archivwissenschaftlichen Blogs etabliert. Gebloggt wird z.B. über die Arbeit des eigenen Archivs, über archivfachliche und natürlich auch über historische Themen – entweder (populär-)wissenschaftlich aufgearbeitet oder direkt und ungefiltert aus den Quellen.

Zur letzteren Form zählt auch das Blog zur Geschichte der Adolf-Reichwein-Hochschule, das 2014 anlässlich eines 60jährigen Absolventenjubiläums durch das Universitätsarchiv Osnabrück ins Leben gerufen wurde.[1] Gegenstand des Blogs ist die Geschichte der Pädagogischen Hochschule Osnabrück. Zum Hintergrund: 1946 gegründet wurde die Hochschule 1953 aus Kapazitätsgründen nach Osnabrück verlegt. Ende der 1960er Jahre wurde die PH zu einer Abteilung der PH Niedersachsen bevor sie Anfang der 1970er Jahre im Zuge der Universitätsgründung ein Bestandteil der Universität Osnabrück wurde. Das Blog konzentriert sich auf den Zeitraum 1946 bis 1973 und beleuchtet die Entwicklung an den Standorten Celle und Osnabrück.

Gebloggt wird einerseits über und aus Quellen zur Hochschulgeschichte, gleichzeitig bietet das Blog auch ein Forum zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Aspekten der Hochschulgeschichte. Die tragenden Säulen des Blogs sind aber vor allem die „Zeitzeugenberichte“ ehemaliger Studenten, quasi „Oral History“ in „Blogform“ als Ergänzung zur archivalischen Überlieferung. Bei den „Zeitzeugenberichten“ handelt es sich sowohl um zeitgenössische Aufzeichnungen als auch um retrospektiv zusammengestellte Beiträge von ehemaligen Angehörigen der Hochschule.

Matrikelbücher der Adolf-Reichwein-Hochschule im Universitätsarchiv (Foto: Thorsten Unger)
Matrikelbücher der Adolf-Reichwein-Hochschule im Universitätsarchiv (Foto: Thorsten Unger)

Die Zeitzeugenberichte nehmen dabei v.a. deswegen einen wichtigen Stellenwert ein, weil das auch für die PH zuständige Universitätsarchiv Osnabrück nur wenige Quellen zur Geschichte der Hochschule verwahrt und sich auch generell nur wenige Quellen überliefert haben. Welchen Weg die Verwaltungsunterlagen nach Auflösung der Hochschule genommen haben ist nicht mehr klar nachvollziehbar, einzelne Überlieferungsstränge konnten aber bereits in anderen Archiven ausgemacht werden (z.B. im Nds. Landesarchiv – Standort Hannover).

Das Blog wird von einem festen Autorenteam betreut, darunter zwei Ehemalige aus dem eingangs erwähnten Absolventenjahrgang von 1954, ergänzt durch eine immer größer werdende Zahl an Gastbeiträgern, die sich aus Ehemaligen, Wissenschaftlern und Praktikanten zusammensetzt. Die redaktionelle Betreuung und das Einstellen der Texte liegt beim Universitätsarchiv Osnabrück. Die Beiträge müssen dabei teilweise aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert werden. Das Original wird versehen mit einer Schutzfrist und soweit möglich mit einer Kurzbiographie des Autos im Universitätsarchiv hinterlegt.

Aus archivfachlicher Sicht verfolgt das Blog vor allem ein Ziel: Die Ergänzung des Archivbestandes. Einerseits sollen ganz einfach Informationen zur ehemaligen PH im Rahmen des Blogs gesammelt werden. Andererseits sollen mit der Aufbereitung der Informationen im Rahmen des Blogs Ehemalige und Interessierte zum aktiven Mitschreiben und auch zum Abgeben von nicht mehr benötigten Unterlagen animiert werden.

Archivalienzugänge im Universitätsarchiv Osnabrück 2015
Archivalienzugänge im Universitätsarchiv Osnabrück 2015

Dass vor allem Letzteres auch tatsächlich funktioniert, zeigen die jüngsten Entwicklungen: Es finden sich nicht nur immer mehr Interessierte, die Beiträge abliefern, es fanden auch kürzlich 2015 die ersten kleinere Abgaben von Originalquellen, wie Praktikumsberichte, Vorlesungsverzeichnisse, Studienbücher, Fotos und Zeugnisse ihren Weg in das Universitätsarchiv. Dabei ist es bewertungstechnisch nicht ganz unerheblich, dass das Blog durch die Beiträge auch gleichzeitig Außenstehenden zeigt, welche Art von Quellen und Informationen historisch bedeutsam sein können. Für die Beiträger oder Schenkungsgeber ist auf der anderen Seite das zeitnahe Online-Stellen der Beiträge und das aktive Aufarbeiten der PH-Geschichte ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor.

Nachdem das Blog nun etwas über ein Jahr online ist lässt sich konstatieren: Die anfängliche Arbeit war zunächst zeitintensiv und nicht ohne Schwierigkeiten. Vor allem die redaktionellen Abläufe und die Frage der notwendigen Sekundär- oder Metadaten zu Beiträgen oder Autoren sind hier zu nennen. Der bisherige Verlauf des Blogprojektes zeigt aber, dass sich der Aufwand bereits jetzt gelohnt hat: Denn es konnten schon eine Vielzahl von Quellen und Informationen gesammelt und veröffentlicht werden, die in dieser Form vermutlich verloren gegangen wären.

Spannend wird es sein zu beobachten, ob vielleicht auch in Zukunft spätere Ehemaligenjahrgänge in das Projekt integriert werden können, so dass der aktuelle Schwerpunkt von den 1950er Jahren auf die 1960er und 1970er Jahre ausgeweitet werden kann. Das Blog soll damit insgesamt nicht nur der Erforschung der eigenen Hochschulgeschichte, sondern auch generell einen Beitrag zur (niedersächsischen) Hochschulgeschichte nach dem 2. Weltkrieg leisten, deren Erforschung noch relativ am Anfang steht.

[1] Vgl. dazu auch Thorsten Unger, Wir sind die lebendige Brücke von gestern zu morgen, oder: Bestandsergänzung im Universitätsarchiv Osnabrück mit Hilfe eines archivwissenschaftlichen Blogs, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven 18/2014, S. 92-97.

4 Gedanken zu „Bloggen als Mittel zur Bestandsergänzung?

  1. Ein spannender Artikel! Auch das Universitätsarchiv Bayreuth nutzt das Weblog der Universität (UniBloggT.hypotheses.org) zu einer Komplementierung des archivalischen Bestandsaufbaus. Indem es an der Blogredaktion beteiligt ist, achtet es darauf, dass die Gliederung des Blogs in etwa die Kernfunktionen der Universität zu repräsentieren geeignet ist und auf diese Weise die Umsetzung des Dokumentationsprofils des Archivs durch Beiträge von Seiten einschlägiger Akteure unterstützt. Wir haben das kurz nach der Einrichtung unseres Blogs quasi „konstitutionell“ und dennoch informell dargelegt: http://unibloggt.hypotheses.org/228

    1. Danke! Ja, das Blog der Uni Bayreuth verfolgt tatsächlich einen ganz ähnlichen Ansatz. Spannend ist in Bayreuth die Tatsache, dass man (auch) aktuelle Ereignisse für die Zukunft (planvoll) dokumentiert. Aufgrund der Tatsache, dass die PH Osnabrück nicht mehr existiert, sind wir natürlich stärker vom Überlieferungszufall abhängig. Wir bemühen uns aber ebenfalls durch die ständige Vergrößerung des Autorenkreises, das Aquirieren von analogem Schriftgut und das Auffinden von Überlieferungssträngen in anderen Archiven, langfristig die wichtigsten „Funktionen“ der PH abzudecken.

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