„Was bin ich?“ – Das Berufsbild des Archivars/der Archivarin im 21. Jahrhundert

Allgemein, Archivwahrnehmung, Bildungsarbeit

Zweite Gemeinsame Arbeitssitzung auf dem Deutschen Archivtag 2015

Im gut gefüllten Thoma-Saal diskutierten am Freitagnachmittag in der zweiten gemeinsamen Arbeitssitzung die Referenten mit den anwesenden Kongressteilnehmern über Veränderung in unserem Berufsbild. Die Sitzungsleiterin Katharina Tiemann verwies in ihrem Eröffnungsstatement auf vergangene Archivtage mit ähnlichen Diskussionen über Berufsbildveränderungen und die daraus erwachsenden neuen Anforderungen an uns Archivare bzw. die Archivarausbildung.

Karin Schwarz (Potsdam): Alte Aufgaben – neue Fertigkeiten und Kompetenzen, Archivare im digitalen Zeitalter
 Im ersten Vortrag ging die Dozentin an der Fachhochschule Potsdam der Frage nach „Was bin ich?“ bzw. „Steht das Berufsbild durch Einzug des Digitalen im neuen Licht dar?“ Sie fragte: „Ist unser aktuelles Berufsbild noch geeignet für die digitale Zeit?“


Ihren Vortrag begann sie mit einem kurzen Rückblick auf die internationale Diskussion seit den 1970er Jahre. Dabei konstatierte sie der Archivzunft in Deutschland das rechtzeitige Erkennen der Veränderungen, ohne aber die entsprechenden Schlüsse daraus gezogen zu haben. Erst seit den 1990er Jahren beschäftigten sich deutsche Fachkollegen konkreter mit der Archivierung digitaler Unterlagen. Inzwischen waren ausländische Archivare aber schon viel aktiver gewesen. Die Beschäftigung mit den Problemen bei der digitalen Archivierung blieb in Dt. dagegen auch in den 1990er Jahren immer noch „Pionierarbeit“. In der Ausbildung gehörte das Thema dagegen schon seit den 1970er Jahren zum Curriculum, wenn auch eher mit fakultativen Charakter.
Nach dieser Einleitung analysierte Frau Schwarz im zweiten Teil ihres Vortrages die im digitalen Zeitalter notwendigen Archivarskompetenzen und das dazu notwendige Wissen. Die Kompetenzen bzw. das Wissen ergeben sich, so die Referentin, aus drei in der digitalen Welt veränderten Grundbedingungen für Archive:

  • der Überlieferung digitaler Aufzeichnungen
  • der digitalen Informationsgesellschaft
  • der Rolle der Archive.

Den größten Teil des Vortrages nahm in Anschluss die ausführliche Erläuterung der drei veränderten Grundbedingungen ein. Frau Schwarz behandelte dabei Themen wie die Definition digitaler Dokumente, die digitale Bewertung, die hybride Verwaltung mit ihrem Problem der Transformation von Informationen von der aktiven Bearbeitung über die inaktive Ablage bis zum Archiv inkl. dem Verlust von Bearbeitungsspuren, der Erweiterung der Makro- und Mikrobewertung um eine „Nanobewertung“, der Transparenz der Überlieferung, den Erwartungen der Nutzer an die Bereitstellung digitaler Daten, der Informationsvisualisierung, der Vergabe von Qualitätssiegeln für den Nachweis der Vertrauenswürdigkeit digitalen Archivguts, das Problem der Sensibilität für die Authentizität von Quellen beim Nutzer, dem Archivauftrag gegenläufige, aber politische gewollte OpenData-Initiativen, der Konkurrenz der Archive zu den hauseigenen IT-Abteilung und einiges mehr. Abschließend fasste sie alle bis dahin genannten Kompetenzen zusammen und kam zu dem Fazit: „Wir verändern uns, aber wir bleiben, was wir sind: Archivarinnen und Archivare!“.
Um diesen Anspruch aber umsetzen zu könne, müssten die Kompetenzen der Archivare/innen unterschiedlich gewichtet werden. Selbst der größte Generalist könnte nicht alle in der digitalen Welt erforderlichen archivarischen Kompetenzen erlangen. Frau Schwarz schlug daher abschließend vor, einen Kanon von Kernkompetenzen und von Spezialwissen zu definieren.

Wolfgang Krauth (Stuttgart): (Nicht nur) Archivare in der digitalen Welt. Überlegungen aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg
Im zweiten Vortrag zeigte der als Leiter des Referats „Informationstechnologie, digitale Dienste“ im Landesarchiv Baden-Württemberg (LABW) tätige Referent, wo er heute die Archivare in der digitalen Welt verorte, ergänzt um seine Ansicht der Rolle der Archive in der digitalen Welt. Dabei begann er seinen Vortrag mit einer Zustandsbeschreibung nach den Veränderungen von der analogen zu digitalen (Archiv-)Welt (die Stichworte dazu waren u.a.: Digital turn: Digitalisierung der Gesellschaft, Alltag ist „online“, Umgang mit dem neuen Medium Internet ist normal, aber trotzdem für viele dennoch „Neuland“). Für die Archivarbeit diagnostizierte eine immer größere Bedeutung der archivischen IT. Sie fange an unseren archivischen Alltag zu dominieren (von digital born-Dokumenten über Retrokonversion und Digitalisierung zu Metadaten sowie dem Archiv im Web2.0). Nach diesem eher allgemeinen Teil zeigte er anschließend anhand von IT-Projekten des LABW, welches Wissen und Kompetenzen heute ein Archivar haben muss, der an archivischen IT-Projekten beteiligt ist (Einordnung der IT-Aktivitäten ins archivfachliche Arbeiten, Schnittstelle zwischen Informationstechnologie und Archivwissenschaft, „product owner“ = vertritt Interessen der Kollegen in den Archiven bei Systemtechnik und Softwareentwicklung). Diese Kompetenzen erfordern, so Wolfgang Krauth, eine fundierte Archivarausbildung. Trotz erkennbarem Spezialisierungsbedarf plädierte er für ein Festhalten an der bisherigen „Generalisten-Ausbildung“. Spezialisierungen können im Einzelnen notwendig sein (z.B. zum „Digitaler Archivar“/Archivinformatiker). Diese sollten aber die Kompetenzen „klassischen“ Archivars nicht ersetzten, sondern nur ergänzen. Die Ausbildung müsse daher nur weiterentwickelt werden (um technische Aspekte, aber auch Umgang mit dem Nutzer, Bewertung mit digitalen Tool, Aktenkunde mit Methoden der Digital Humanities usw.).
Die Quintessenz seines Vortrages fasste der Referent in drei Forderungen zusammen: das Berufsbild des Archivars muss sich wandeln, es müsse offener werden. Wir müssen „dran bleiben“, d.h. auf die schnellen Entwicklung im digitalen Bereich reagieren und dazu sei lebenslanges Lernen (sprich: Fortbildung) dringend geboten. Wir müssten aber auch unsere Grenzen erkennen und bei entsprechenden Problemen auf IT-Experten zurückgreifen. Dies sei nicht leicht, da diese teilweise über ein anderes Vokabular und eine andere Denkweise verfügten.
Insgesamt sei die Zusammenarbeit mit den IT-Profis eine Herausforderung (zwischen Anspruch und Machbarkeit), aber auch eine große Chance (große Flexibilität, Korrekturen schneller realisierbar, passgenaues Arbeiten möglich). Die Archivare/innen könnten aber auch heute schon auf Augenhöhe mit der IT zusammenarbeiten, wir müssten aber auch den Mut zur Weiterentwicklung der Archivwissenschaft besitzen, so der Referent zum Schluss seines Vortrages.

Diskussion
Katharina Tiemann eröffnete die Diskussion mit der Frage an alle Anwesenden: Fühlen sie sich für die digitale Welt gut aufgestellt? Die Handzeichen als Antwort ergaben ein (gefühlt) ausgeglichenes Bild von Ja- und Nein-Stimmen (wie viele im Plenum sich „enthielten“ blieb leider unbeantwortet). In der anschließend recht lebhaften Diskussion ging es dann um Fragen wie das Finden der richtigen Werkzeuge für die Lösung der Probleme bei der digitalen Archivierung, es ging um die schon lange geführte Diskussion um die Kernaufgaben der Archive (Grundsätze stehen fest, nur einiges ändert sich, nicht alles), um die bessere „Anhäufung“ von IT-Wissen in der Berufs-Community sowie die bessere Vernetzung mit Kollegen/in, um ein Abgehen von Kernkompetenzen und dafür eine Definition von gemeinsamen Zielen, um die Forderung zu mehr Kooperation der Archive untereinander  und um die Archivarausbildung im Speziellen. Letzterer Punkt führte zu mehreren Wortmeldungen. Diese reichten von der Definition des heutigen Archivars als „Archivar mit einem digitalen Hut“ oder einer Erwiderung gegen die Generalistenausbildung inkl. der Vorstellung, die Archivarausbildung wie die Medizinerausbildung (allgemeines Medizinstudium mit anschließender Facharztausbildung) mehr zu spezialisieren, was nach Ansicht der Leiterin der bekanntesten verwaltungsinternen Archivarausbildungsstätte in Deutschland an den zu wenige Studierende pro Jahr um Gegensatz zu Massenstudium Medizin scheitern würde. Frau Schwarz sah als Dozentin einer ebenfalls Archivare ausbildenden Hochschule die Zukunft eher in einem Grundlagenstudium, auf welches dann Spezialprofile aufgesattelt werden müssten (u.a. durch Weiterbildung). Herr Krauth sah bessere Erfolgschancen bei einer Spezialisierung im Berufsleben und nicht während der Ausbildung. Weitere Wortmeldungen gaben zum „Archivar als Generalist“ versus „Spezialistentum“ jeweils ihre Meinung kund. Hierbei wurde von der Sektionsleiterin noch die Frage angesprochen, ob die vorhandenen viele Fortbildungsangebote überhaupt die Richtigen seien. Nach dem Hinweis von Herrn Krauth, dass Archivare nicht nur selbstreferenziell ihr Berufsbild betrachten, sondern auch auf Erfahrungen aus anderen Bereichen zurückgreifen sollten, beendete die Sektionsleiterin die engagierte Diskussion. Sie resümierte, dass Archivare viele Kompetenzen aus der „analogen“ Welt mit in das digitale Zeitalter hinübernehmen könnten, einiges aber auch neu erworben werden müsse und wir mehr kooperieren sollten.

9 Gedanken zu „„Was bin ich?“ – Das Berufsbild des Archivars/der Archivarin im 21. Jahrhundert

  1. Die Generalisten vs. Spezialisten-Frage stellt sich m.E. spartenübergreifend in Abhängigkeit von der Archivgröße. Das Ein-Personen-Archiv muss zwingend von einem Generalisten/einer Generalistin geführt werden. Je mehr Archivpersonal vorhanden ist, desto eher und besser gelingen Spezialisierungen.

    1. Und diese Spezialisierungen werden berufsbegleitend vorgenommen bzw. entsprechende Fertigkeiten erworben – da hat Frau Becker m. E. vollkommen recht. Eine Spezialisierung während der Ausbildung halte auch ich für wenig sinnvoll, ja für kaum möglich angesichts der geringen Kursstärken in Marburg, München und Potsdam. Zumal die wenigsten Absolvent_innen vor und unmittelbar nach Beendigung ihrer Ausbildung wissen, in welche Archive/Archivsparten es sie im Laufe ihres Berufslebens „verschlägt“.

  2. Eine wichtige Disskussion, die manchen im Publikum erst gezeigt hat, wie sich die Situation verändert hat. Die Grundlagenausbildung im Archiv in allen drei Bereichen sollte erweitert werden. Eine Zusammenarbeit mit It-lern ist so oder so unerläßlich. Wichtig ist es zukünftig auch für Informatiker attraktive Stellen im Archiv zu schaffen.

  3. Kann den ersten 2 Kommentaren nur zustimmen.
    Hinzufügen möchte ich noch, dass Aus- und Fortbildungen entsprechend angepasst werden müssen.
    -M. E. gibt es noch viel zu wenige gute Angebote für die Belange der Archivare. Zudem muss man sich diese meist mühsam im Internet zusammensuchen.
    Ich denke, dass man sich bspw. keine XML-Kenntnisse in 3 Tagen Fortbildung aneignen kann. Die Fortbildungsangebote sollten gebündelt angeboten werden und aufeinander aufbauen.
    -Generell ist auch die Durchlässigkeit in den Ausbildungsstufen nicht gegeben. Vom FAMI über den Bachelor zum Diplom-Archivar (Master…), das wäre sicherlich eine Möglichkeit, den Beruf attraktiver zu machen und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

    1. In puncto Durchlässigkeit stimme ich Ihnen zu. Nur der kleine Hinweis: Der Bachelor entspricht dem Diplom-Archivar, der Master Archivwissenschaft entspricht dem wissenschaftlichen Archivar. Das wird derzeit noch häufig verwechselt.

      1. Leider habe nicht nur ich erfahren müssen, das dem nicht so ist.
        Als Dipl.-Archivar (FH) ist es einem auf Grund der Studienbedingungen und bestimmter Voraussetzungen verwehrt, einen Masterabschluss „draufzusatteln“. Begründung von der Potsdamer FHS, die Ausbildungsinhalte sind nahezu identisch.
        In ganz Deutschland gibt es keine Möglichkeit für einen Archivar, einen höheren Abschluss in seiner Fachrichtung neben der Berufstätigkeit zu erlangen.
        Auf Grund der ständig steigenden Anforderungen, wäre es aus meiner Sicht dringend nötig, die Aus- und Fortbildung unserer Berufsgruppe umfassend zu erweitern und zu modernisieren.

  4. Die Durchlässigkeit der Ausbildungsstufen ist meines Erachtens kein Problem, das nur die Archiv-Sparte betrifft.

    Problem in Sachen Durchlässigkeit sind eher die Studien- und Prüfungsordnungen im BA und MA. Diese sind im Gegensatz zu den „alten“ Ordnungen (Magister, Diplom) restriktiver, Modul- als auch Veranstaltungsbeschreibungen sind zum Teil so „präzise“ (z.B. sind Namen von Veranstaltungen, die belegt werden müssen, festgelegt, zum Teil auch konkrete Inhalte), so dass erworbene Scheine oder gar Abschlüsse nur schwer anerkannt werden können. Da die Archivausbildung im Vergleich zu anderen Studiengängen eher eine kleine aber feine Insel ist, bietet sich hier eher das Lehramtsstudium als Beispiel an. Hier würde man erwarten, dass man mit einem in z.B. Osnabrück erworbenen BA, entspannt an einer anderen Uni seinen MA erwerben kann. Nach Bologna „sind“ die Studiengänge ja Vergleichbar…. Dem ist nicht immer so, die Anerkennung ist oftmals an das Nachholen von Scheinen geknüpft.

    In Bezug auf den Archivbereich müsste man auch ohne Abitur mit einer abgeschlossenen FAMI Ausbildung eine Hochschulzugangsberechtigung erhalten haben (mit Abi hat man sie ohnehin) um sich zum BA einzuschreiben. Vom BA zum MA ist es ebenfalls einfach, da man nicht die Hochschule wechseln kann (FH Potsdam). Wechsel zwischen Marburg und Potsdam wären natürlich eine Option.

    Zur eigentlichen Diskussion: wenn sich ein Berufsbild wandelt, müssen sich wohl oder übel auch die, die in ihm tätig sind mit-wandeln – soweit der Wandel nötig ist und das ist er, denke ich.
    Ob sich die Ausbildung ändern muss? Die beste Antwort auf diese Frage müssten die Leute geben können, die gerade in das Berufsleben gestartet sind und am Besten sagen können, ob sie gut auf das vorbereitet worden sind, mit dem sie jetzt konfrontiert werden.
    Fortbildungen sind wieder etwas anderes.

  5. Was mir in der Diskussion etwas fehlt ist die Frage, wie technikaffin und vermittlungsfreudig der und die Einzelne im Archivarsberuf in Zukunft bleiben muss.

    Ich denke da mit Schrecken an diesen Tweet vom Archivtag und dass ich bald 35 werde ;).
    https://twitter.com/Stef_Erfurt/status/649175555703721984

    Aber wenn ich sehe, wie viele Kolleginnen und Kollegen mit den eigentlichen Hilfsmitteln überfordert sind, etwa der eigenen Archiv-Datenbank oder das Erstellen einer Powerpoint (ich gebe zu, dass ist schon für Fortgeschrittene 😉 ), dann möchte ich mir gar keine Gedanken über digitale Langzeitarchivierung und Web 2.0 machen. Denn natürlich muss nicht jeder alles können, aber es muss zur Natur des Archviars gehören, neugierig auf all diese neuen Sachen zu sein, denn sie sind potenzielles Archivgut. Und wie kann ich diese neuen Medien besser erforschen, als auch in ihnen unterwegs zu sein?

    Auch Archivarinnen und Archivare werden immer älter und die angeblich „jungen“ Kollegen ebenfalls. Also muss es nicht nur eine angemessene Ausbildung geben, sondern auch breitgefächerte Fortbildungsmöglichkeiten und den Willen, sich nicht neben den technischen und digitalen Entwicklungen zu sehen, sondern sich immer wieder mit diesen neuen Begebenheiten auseinander zu setzen und an ihnen zu wachsen.

    1. In der Tat war „lebenslanges Lernen“ ein Stichwort dieser Arbeitssitzung, ebenso die Notwendigkeit passender Fortbildungsmöglichkeiten. Ich halte mich nicht für überdurchschnittlich technikaffin, eher im Gegenteil. Allerdings kann man Vieles lernen, wenn die Angebote stimmen und die Dozierenden ihr Handwerk verstehen.

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