Die Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland und die Archive

Allgemein, Archivwahrnehmung, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit

von Thekla Kluttig

Fachvortrag in der Ersten Gemeinsamen Arbeitssitzung beim 86. Deutschen Archivtag 2016 in Koblenz

Seit 1984 trifft sich der Arbeitskreis Stadtgeschichte Sankt Augustin zum Austausch über geschichts- und heimatkundliche Themen. Das Stadtarchiv informiert auf seiner Website über den Arbeitskreis und arbeitet eng mit ihm zusammen. So erstellen Mitglieder der Fotogruppe des Arbeitskreises ehrenamtlich Aufnahmen zur Entwicklung der Stadt für die Bildsammlung des Stadtarchivs.

Zwischen 2009 und 2013 erschließen ehemalige Mitarbeiter der Fluggesellschaft Swissair in einem Crowdsourcing-Projekt maßgebliche Teile des Fotoarchivs der Swissair, die sich im Bildarchiv der ETH-Bibliothek in Zürich befinden. Das Bildarchiv hat seine Aktivitäten zur Identifizierung von Fotos durch interessierte und kundige Bürgerinnen und Bürger seitdem deutlich ausgeweitet. Auf seinem Blog berichtet es u. a. über die Identifizierungserfolge, und durch die große Reichweite des Blogs wird auch das Carola-Schlösschen in Dresden – weit entfernt von der Schweiz – erkannt.

In einem Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Landesarchiv Baden-Württemberg und dem Verein für Computergenealogie (Compgen) indizieren Freiwillige die personenbezogenen Angaben auf rd. 13.000 Seiten Kriegsgräberlisten; das Projekt wird nach weniger als einem Jahr abgeschlossen.

Was verbindet diese Aktivitäten? Den im Arbeitskreis Stadtgeschichte Sankt Augustin Tätigen, den früheren Swissair-Mitarbeiter, den anonymen Erfasser der Kriegsgräberlisten aus – beispielsweise – Göppingen? Bürger schaffen Wissen, und dies in Verbindung mit Archiven!

Bevor ich Ihnen das GEWISS-Projekt zur Stärkung von Citizen Science in Deutschland vorstelle, kurz zum Begriff „Citizen Science“: Was ist damit gemeint? Eine Definition beschreibt Citizen Science (CS) als „die Beteiligung von Personen an wissenschaftlichen Prozessen, die nicht in diesem Wissenschaftsbereich institutionell gebunden sind.“ Dabei könne die Beteiligung in der kurzzeitigen Erhebung von Daten bis hin zu einem intensiven Einsatz von Freizeit bestehen, um sich gemeinsam mit Wissenschaftlern und / oder anderen Ehrenamtlichen in ein Forschungsthema zu vertiefen.“ Während „der angloamerikanische Ansatz von Citizen Science meist die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern bei der Datenerhebung in der Umweltforschung hervorhebt“ wird der Begriff in Deutschland aber breiter verwendet: Citizen Science umfasst danach „die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern in verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses in den Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften.“

Für ein weiteres Verständnis in einem anderen Sinne plädiert der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke in seinem viel beachteten Buch über Citizen Science. Ich kann an dieser Stelle nur ganz kurz auf seine Darlegungen eingehen. Finke sieht Citizen Science als „Basislager der Wissenschaft“. Die Selbstbeschränkung auf grundlegende, „zumeist lokal oder regional geerdete Forschung auf vielen lebenspraktisch relevanten Gebieten“ sei ein durchgängiges Merkmal. Finke plädiert für eine „Abrüstung“ des Wissenschaftsbegriffes. Er verwendet das Bild einer Stufenleiter wissenschaftlicher Komplexität. Die aufsteigende Sprossenfolge ist zugleich eine absteigende Stufenleiter der Beteiligung – komplexe wissenschaftliche Forschung wird nur von wenigen betrieben, aber (um im Bild zu bleiben): jede Wissenschaft beginnt auf dem Boden. Konkret: Wenn ein Schüler der 11. Klasse im Stadtarchiv Gießen zur „Städtischen Armenfürsorge im Gießen des 19. Jahrhunderts“ recherchiert und sich mit seiner Arbeit am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligt, so ist das der Anfang von Wissenschaft.

Ist das nun etwas Neues? Natürlich nicht! Es gibt in Deutschland eine lange Tradition regionaler und lokaler Geschichtsforschung, das brauche ich hier nicht näher zu erläutern. Finke ordnet in seiner Publikation die Erforschung der kulturellen Umwelt und regionalen Geschichte in den Kontext von Citizen Science ein und nennt explizit – das sei an diesem Ort doch erwähnt – den Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins zu Koblenz als Beispiel. Als ich in den Beirat des GEWISS-Projektes berufen wurde, habe ich das auch so gesehen und umgehend mit dem Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine, konkret mit dem Vorsitzenden, Herrn Prof. Treml, Kontakt aufgenommen. Leider konnte sich der Gesamtverein nicht entschließen, sich im Rahmen des GEWISS-Projektes zu engagieren. Ich halte das für eine verpasste Chance, Lobbyarbeit für die ehrenamtliche historische Forschung zu betreiben.

Das GEWISS-Projekt
Worum ging es bei dem GEWISS-Projekt? Das Projekt „BürGEr schaffen WISSen“ (GEWISS) wurde im Mai 2014 von einem Konsortium verschiedener Institutionen, v. a. Einrichtungen der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft, als ein Bausteinprogramm ins Leben gerufen. Es sollte dazu dienen, die Implementierung und Stärkung von Citizen Science in Deutschland zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Das Projekt wurde und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Im Rahmen des Projektes wurde auch die „Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland“ erarbeitet. Das Projekt umfasste fünf Bausteine: 1. Vernetzung und Austausch von Beteiligten und Interessierten im CS-Bereich durch Veranstaltungen und eine Online-Plattform, 2. Erfassung bestehender CS-Aktivitäten und Ermittlung der Bedürfnisse von Bürgern und Forschenden durch Dialogforen, 3. Partizipative Erarbeitung eines Leitfadens für die Umsetzung von CS-Projekten, 4. Entwicklung einer Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland und 5. Erstellung technischer und organisatorischer Ressourcen (z.B. Trainingsworkshops).

Zum ersten Baustein: Hier ist vor allem die Online-Plattform „Bürger schaffen Wissen“ zu nennen. Zentrales Element der Website ist die Möglichkeit, CS-Projekte zu entdecken, entweder durch Nutzung eines Suchformulars mit Filtermöglichkeiten oder durch schlichtes Stöbern. Auf der Website finden sich zahlreiche weitergehende Informationen über CS–Aktivitäten und die Arbeitsergebnisse der Projektgruppe, z. B. zu den Dialogforen.

Der zweite Baustein umfasste die „Erfassung bestehender CS-Aktivitäten und Ermittlung der Bedürfnisse von Bürgern und Forschenden durch Dialogforen“. Die GEWISS-Projektgruppe hat im Laufe von zwei Jahren mehrere Dialogforen mit Hunderten von Teilnehmern organisiert, hier die Informationsseite zum Dialogforum über Datenqualität, Datenmanagement und rechtliche Aspekte, der vom Verein für Computergenealogie mit organisiert wurde. Das GEWISS-Team kooperierte mit dem Netzwerk für digitale Geisteswissenschaften, Universität Erfurt, bei der Durchführung der Tagung „Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften“. Ein weiteres Dialogforum wurde im November 2015 zusammen mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung am Karlsruher Institut für Technologie durchgeführt; mit Andreas Neuburger vom Landesarchiv Baden-Württemberg war dort auch ein Archivar vertreten. Dieses wie alle anderen Dialogforen wurde jeweils zügig dokumentiert; die Ergebnisberichte sind online auf der GEWISS-Plattform einzusehen.

Der dritte Baustein sah die „Erarbeitung eines Leitfadens für die Umsetzung von CS-Projekten“ vor. Dieser Leitfaden ist unter dem Titel „Citizen Science für alle. Eine Handreichung für Citizen Science-Beteiligte“ im Juni im Druck und online erschienen. Er enthält viele praktische Hinweise, u. a. eine Checkliste zur Durchführung von CS-Projekten. Dem Thema „Citizen Science in den Geistes- und Kulturwissenschaften“ ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Die Tätigkeit der historischen und genealogischen Vereine wird dort kurz gewürdigt – und auch die Existenz von hunderten von Kilometern historischer Quellen aus den vergangenen tausend Jahren in Archiven und Bibliotheken findet Erwähnung.

Der vierte Baustein umfasste die „Entwicklung einer Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland in einem moderierten Konsultationsprozess“. Das Grünbuch wurde im Druck und online veröffentlicht. Das Strategiepapier enthält bei einem Umfang von über 30 Seiten vor allem eine Bestandsaufnahme zu CS in Deutschland heute und ihren Perspektiven sowie ein Bündel von verschiedenen Maßnahmen, die zur Verbesserung der Situation vorgeschlagen werden. Der Entwurf wurde in einer offenen Online-Konsultation zur Diskussion gestellt, darauf wurde u. a. im Blog Archivalia und im VdA-Blog hingewiesen. Organisationen hatten die Möglichkeit, ein Positionspapier einzureichen. Der VdA hat dies getan und sich dabei auf drei Abschnitte des Grünbuchs konzentriert: 3.1 Schaffung einer Anerkennungskultur von Citizen Science in Gesellschaft und Wissenschaft, 3.4 Etablierung vertrauenswürdiger analoger und digitaler Infrastrukturen sowie 3.6 Förderinstrumente. Darin plädierte der VdA u. a. für die „Schaffung geeigneter Förderinstrumente, mit denen Citizen Science-Projekte [… in Zusammenarbeit mit Archiven] ermöglicht werden können.“

Tatsächlich hat das BMBF im Juli 2016 eine „Richtlinie zur Förderung von bürgerwissenschaftlichen Vorhaben (Citizen Science)“ aufgelegt. Diese Förderrichtlinie bestätigt das dezidierte Ziel eines breiten CS-Ansatzes über die Bereiche Umwelt und Naturwissenschaften hinaus. Gefördert werden explizit auch geisteswissenschaftliche Vorhaben.

Archive in der Wissensgesellschaft – und die Bedeutung des Konzepts „Citizen Science“
Die Projektlaufzeit des ersten GEWISS-Projektes ist abgelaufen. Das BMBF hat aber klaren Willen erkennen lassen, diesen Bereich weiter zu fördern. Ich sehe darin eine große Chance, unsere Archive in der Wissensgesellschaft sichtbarer zu machen und besser zu vernetzen.

Warum sollten wir diese Chance nutzen? Unsere erste gemeinsame Arbeitssitzung ist dem „Standort der Archive in der Wissensgesellschaft“ gewidmet. Das Thema unseres Kongresses soll hier in einer übergreifenden Perspektive betrachtet werden; daher möchte ich im Folgenden nicht auf einzelne Details der Citizen Science Strategie 2020 eingehen. Stattdessen möchte ich danach fragen, wie sich der Standort der Archive in der Wissensgesellschaft verändert hat und was das Konzept „Citizen Science“ für uns bedeuten kann. Es geht im Folgenden bewusst nicht um die Verbindung zwischen Archiven und der „institutionellen“ Geschichtswissenschaft – das wird sicher im Beitrag von Frau Schlotheuber thematisiert werden.

Über die Veränderungen, die mit Digitalisierung für die Archive einher gegangen sind und einher gehen, ist schon viel geschrieben worden, gerade wieder in interessanten Beiträgen im jüngsten Heft des “Archivar”. Die US-amerikanische Archivarin Kate Theimer hat diese Veränderungen mit zwei Skizzen in ihrem Vortrag: „The Future of Archives is Participatory: Archives as Platform, or A New Mission for Archives” auf der „Offene Archive 2.1“ – Tagung im April 2014 sehr treffend dargestellt: Hier zeigte sie die „alte Welt“: Die Archive verwahrten mit den historischen Quellen eine rare Ressource, die von den wissenschaftlichen Forschern vor Ort im Archiv genutzt wurde. Die Forscher publizierten und die allgemeine Öffentlichkeit informierte sich durch Publikationen: Bücher, Zeitungsartikel, Fernsehfilme. Es gab keinen direkten Zugang zu historischen Quellen für die allgemeine Öffentlichkeit. Und hier die neue Welt: Auch heute noch verwahren die Archive rare Ressourcen, aber die Forscher sind angesichts der Fülle von zugänglichen Informationen nicht mehr mit einem Mangel, sondern einer Überfülle an Quellen konfrontiert. Zwar stimmt der Spruch nicht: “was nicht online ist, existiert nicht”. Aber immer häufiger begegnet – auch angesichts sinkender Budgets für Reisekosten – die Haltung von Forschern: “wenn es nicht online ist, schreibe ich über etwas anderes”.

Es gibt aber auch einen anderen Effekt: den der „Demokratisierung“ des Zugangs zu historischen Informationen. War früher die Hemmschwelle für die Benutzung eines Archives relativ hoch, haben wir mit steigendem Informationsangebot im Netz zunehmend Nutzer aus einem breiteren Spektrum. Zugespitzt formuliert: Je sichtbarer ein Archiv mit seinen Erschließungsinformationen im Netz ist, je mehr bekommt es auch Anfragen, bei denen man merkt, dass der Anfragende sich mit Archiven nicht auskennt. Ist das schlimm? Nein: Das ist toll! Durch die Möglichkeiten der Informationstechnik und des Internets haben wir mit unseren Archiven jetzt erstmals die Möglichkeit, unsere Arbeit auf eine viel breitere Nutzungs-Grundlage zu stellen; Menschen für das Archiv zu gewinnen, die früher nie den Weg zu uns gefunden hätten.

Kate Theimer plädierte in ihrem Vortrag vor zwei Jahren für eine wesentliche Wendung im archivarischen Selbstverständnis: Nicht die Quellen, sondern die Menschen sollten im Mittelpunkt unserer Tätigkeit stehen. Das bedeute natürlich nicht, dass man traditionelle Aufgaben oder Werte aufgebe, also die Bildung einer aussagekräftigen Überlieferung, ihre Bewahrung und Erschließung. Es bedeutet aber – und ich schließe mich Theimer hier an – dass wir die Orientierung nach außen, hin zu den vorhandenen und potentiellen Benutzern von einer nachrangigen zu der vorrangigen Aufgabe erheben.

Was hat das mit Citizen Science zu tun? Nun: Den Citizen-Science-Gedanken ernst zu nehmen bedeutet, genau diese einladende, Brücken ins Archiv bauende Haltung einzunehmen. Jeder in der Anmeldung stehende oder eine Anfrage an uns richtende Mensch hat einen Schritt auf uns zu gemacht – und ist eine Verbindung in die Gesellschaft, die uns finanziert und für die wir unsere Arbeit machen. Ich erinnere an die Feststellung von Finke, Citizen Science sei Wissenschaft im Alltags- und Lebenskontext und entwickele sich oft aus biographischen, lokalen oder regionalen Bezügen. Mehr über historische Geschehnisse, Lebensverhältnisse, Landschaften wissen zu wollen, ist ein starkes Motiv für viele Menschen und wird dies auch weiterhin sein. Uns Archivarinnen und Archivaren kommt dabei eine sehr wichtige Funktion zu. Von unserer persönlichen Haltung – und ich betone das sehr bewusst: von Ihrer persönlichen Haltung – hängt es ab, ob wir die darin liegenden Chancen nutzen.

Mittel, Gelegenheiten, Motive
Wir haben die Mittel: Zuallererst die Quellen: Authentische Zeugnisse vergangener Zeiten. Wir haben archivarische Fachkompetenz, wir haben historische Fachkompetenz. Wir haben die kommunikative Kompetenz: Wir sind geübt – oder sollten es sein – mit dem hochspezialisierten Fachwissenschaftler ebenso adressatengerecht zu kommunizieren wie mit der Oberstufenschülerin, die für eine „Besondere Lernleistung“ im Archiv arbeiten möchte. Wir haben Räume – oder sollten sie in unseren Archivgebäuden haben –, die konzentrierte Forschung im Lesesaal ebenso ermöglichen wie die Durchführung eines Seminarangebotes oder die Besprechung eines „Arbeitskreises Stadtgeschichte“. Das Archiv als verlässlicher Ort der ruhigen Konzentration und des fachlichen Austausches hat ebenso eine Zukunft wie der „virtuelle Lesesaal“. Und wir können die vielfältigen Möglichkeiten der Informationstechnik nutzen. Ich verweise hier nur auf den Vortrag von Maria Rottler auf der Archive 2.1-Tagung in Stuttgart, die mit de.hypotheses.org das zentrale Blogportal für die deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften vorgestellt hatte: „wer ein Textverarbeitungsprogramm beherrscht, kann auch bloggen“.

Wir haben Gelegenheiten: Wir können CS-Aktivitäten in vielfältiger Hinsicht unterstützen: Durch Zusammenarbeit mit Vereinen und freien Gruppen, aber auch ausgehend von jeder einzelnen Anfrage. Dabei sollten wir uns klar machen, dass eine althergebrachte Trennlinie sich auflöst: zwischen der „wissenschaftlichen“ Nutzung, die zu einer Publikation führt und der „privaten“ Nutzung, die ohne Nutzen für die Öffentlichkeit sei. Heute kann jeder Nutzer publizieren – ich nenne nur das Grimme-Preis-nominierte Blog „Opas Krieg“ als Beispiel. Am Rande: Wenn Sie den Eindruck haben, das ganze Gerede über die Folgen der Digitalisierung sei übertrieben, lesen Sie einmal den dortigen Beitrag vom 12. April 2016 über „Ahnen als Kriegsteilnehmer: 5 Tipps zur Suche“. Dann sehen Sie, wohin die Reise jetzt schon gegangen ist.

Aber zurück zu unseren Möglichkeiten: Wir können eine Vermittlungsstelle zwischen der „Laienwissenschaft“ und der „professionellen Wissenschaft“ sein, Kontakte in beide Bereiche knüpfen und zum Nutzen aller drei Bereiche Verbindungen schaffen. Und wir können selbst aktiv werden: Durch Lernangebote für Laien, wie das Stadtarchiv München, das Einführungen in das Lesen der Deutschen Schreibschrift anbietet; wie das Stadtarchiv Münster, das interessierte Lehrerinnen und Lehrer zu einer Auftaktveranstaltung zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einlädt; durch die Durchführung von Crowdsourcing-Projekten oder auf anderen Wegen – je nach den eigenen Mitteln und Möglichkeiten. Wir wären damit in guter Gesellschaft: Die National Archives in den USA bieten über ein Citizen Archivist Dashboard zahlreiche Möglichkeiten der Beteiligung an: Sehen Sie sich das einmal an!

Und warum sollten wir Mittel und Gelegenheiten nutzen? Wir haben Motive! Wir wollen uns „für die weitest mögliche Benutzung von Archivalien einsetzen“; so jedenfalls forderte es der Internationale Archivrat in seinem „Kodex ethischer Grundsätze für Archivarinnen und Archivare“ vor 20 Jahren – und in der Wissensgesellschaft sollte das umso mehr gelten! Wir wollen zum Verständnis wissenschaftlicher Methodik beitragen, wir wollen zur historischen Bildung beitragen. Und manche von uns wollen auch das Leben von Menschen bereichern – ich verweise hier auf den schon erwähnten Vortrag von Kate Theimer.

Und man muss nicht über die Größe der National Archives verfügen, um in diesem Sinne aktiv zu werden. Nehmen wir als anderes Beispiel das Universitätsarchiv Osnabrück. Ein kleines Archiv, das neben zahlreichen anderen Aktivitäten einen Blog zur Geschichte der Vorgängereinrichtung der Universität betreibt. Es verbindet Zeitzeugenberichte mit archivalischen Quellen und wissenschaftlichen Beiträgen und bietet so Menschen aus verschiedenen Bereichen – Gesellschaft, Archiv, Wissenschaft – eine gemeinsame Plattform zum allseitigen Gewinn. Und nebenbei hat die öffentliche Reichweite dazu geführt, dass originale Quellen zur Geschichte der Adolf-Reichwein-Hochschule an das Universitätsarchiv Osnabrück abgegeben wurden – angesichts großer Überlieferungslücken sehr willkommen. Der angezeigte Beitrag über das musische Leben an der Hochschule wurde übrigens von Adolf Meyer beigesteuert, geboren 1929, Lehrer bis zum Ruhestand, 1997 für seine Arbeit als Lokalhistoriker mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Ein „Citizen Scientist“, auch wenn er sich selbst vermutlich nicht so nennen würde.

Und natürlich haben wir auch Motive im ureigensten Interesse: Wir wollen Archive in Gesellschaft und Wissenschaft verankern, Archive in die mediale Öffentlichkeit bringen und schließlich: Unterstützer finden, die uns helfen, eine angemessene Finanzierung der Archive sichern, damit wir auch künftig Archivgut übernehmen, erhalten, erschließen und zugänglich machen können.

Müssen wir das Ganze „Citizen Science“ nennen – nein, das müssen wir natürlich nicht. Aber wenn wir die politische und mediale Aufmerksamkeit dadurch besser gewinnen können, sollten wir unseren Unwillen gegenüber Anglizismen herunterschlucken und strategisch und archivpolitisch zielgerichtet agieren.

Mein Vortrag begann mit bürgerwissenschaftlichen Projekten und soll mit einem enden, das im August 2016 als „Projekt des Monats“ auf der GEWISS-Plattform vorgestellt wurde: Die Projektgruppe „Köln und die Region erforschen und erleben“ besteht im Rahmen des Gasthörer- und Seniorenstudiums der Universität zu Köln und hat in den vergangenen Jahren drei größere Projekte mit historischem und regionalem Bezug durchgeführt; aktuell steht „Köln in den 1950er Jahren“ im Fokus. Anhand einer wissenschaftlichen Fragestellung werden historische Quellen in der Projektgruppe analysiert und aufbereitet. Wissenschaftlich begleitet wird die Gruppe vom Geographischen Institut der Kölner Universität. Archive wurden schon vielfach benutzt – zu den Erfahrungen damit zitiere ich den Sprecher der Projektgruppe: „Die Zugänglichkeit von Archiven für ‚Forscher‘ ohne entsprechende Ausbildung oder Erfahrung bildet auch eine Hemmschwelle, so dass vielleicht von unserer Seite her nicht alle Möglichkeiten genutzt wurden / werden.“

Jede und jeder einzelne von Ihnen kann mit seiner Haltung und seinem Handeln diese Hemmschwellen zu überwinden helfen und unseren Standort in der Wissensgesellschaft stärken!

5 Gedanken zu „Die Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland und die Archive

  1. Ich kann mich dem Plädoyer für eine Hinwendung zur Öffentlichkeit – nicht nur der wissenschaftlichen Öffentlichkeit – nur voll und ganz anschließen. Archive können „das Leben von Menschen bereichern“ und sollten dies aktiv betreiben. Eine positive Außenwirkung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, die nötigen Ressourcen für die Archivarbeit nachhaltig zu sichern – wir tun uns mit einer solchen Haltung also auch selbst einen Gefallen.

  2. Ich kann mich Herrn Schröder nur anschließen und konkret zum Blogprojekt zur Adolf-Reichwein-Hochschule (https://reichwein.hypotheses.org/) sagen: Das Projekt hat sich zu einer Win-Win-Situation für alle Seiten entwickelt. Das Archiv profitiert von einer Vielzahl von Informationen und der Abgabe von studentischen Unterlagen von Ehemaligen (zur PH haben sich kaum Archivalien überliefert), an der Universität wird das Projekt positiv wahrgenommen, u.a. auch durch die Einbindung von Studierenden und Praktikanten. Die Beschäftigung der Thematik von Seiten des Universitätsarchivs Osnabrück hat dazu geführt, dass die Ehemaligen nicht nur im Rahmen des Absolventenjubiläums 2014 (das den Start des Projekts markierte) kontinuierlich mitarbeiten und immer wieder neue Texte und Quellen beisteuern.

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