Archive als Institutionen der Geschichtskultur. Zum Selbstverständnis und zur Didaktik des Archivs

Allgemein

von Susanne Rieß-Stumm

Die Vorstellung vom Archivar, der im Kellergewölbe, über Akten gebeugt, still vor sich hin forscht, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Öffentlichkeit. Und das, obwohl wir Archivarinnen und Archivare auf vielfältige Weise den Kontakt zur interessierten Öffentlichkeit suchen. Die Frage, warum das so ist und was die Archive ändern müssen, um die Archive als Orte der lebensweltlichen Orientierung und Identitätsfindung zu etablieren, die allen, nicht nur der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, offenstehen, treibt mich seit vielen Berufsjahren um. Welche Ideen und Gedanken haben Kolleginnen und Kollegen dazu? Über Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge würde ich mich freuen.

Dissertationsprojekt von Susanne Rieß-Stumm an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, betreut von Prof. Dr. Saskia Handro (Institut für Geschichtsdidaktik) und von Prof. Dr. Susanne Freund (Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam).

Das Informationszeitalter stellt bekannter Weise auch die Archive vor neue Herausforderungen, die letztlich eine Neuorientierung in der Wahrnehmung der archivfachlichen Aufgaben und dem institutionellen Selbstverständnis implizieren.
Die zunehmende Digitalisierung führt zu neuen Formen der Überlieferung für deren dauerhafte Sicherung Sorge zu tragen ist, aber auch zu neuen Möglichkeiten der Bereitstellung des Archivgutes. Des Weiteren fordern gesellschaftliche Wandlungsprozesse eine Neuausrichtung der Überlieferung und neue Ideen bei der Ausgestaltung des Archivs als Lern- und Bildungsort. Die Entwicklung der Archive hin zu Bürgerarchiven, die grundsätzlich jedem Interessierten offen stehen, hat eine Ausweitung der Nutzergruppen zur Folge. Archive müssen den Bedürfnissen der unterschiedlichen Nutzer entsprechend angepasste Formen der Erschließung und Bereitstellung berücksichtigen. Aber auch die Kooperations- und Interaktionsformen der Web 2.0-Applikationen werden nicht ohne Auswirkungen auf die archivfachlichen Aufgaben bleiben. Weit mehr noch als die Ausübung der archivarischen Kernkompetenzen verändert sich die Kommunikation mit den Nutzern und die Erwartungen derselben. Mehr denn je ist das Engagement der Archive gefordert, sich für Nutzer zu öffnen, die nicht länger nur Konsument, sondern Prosumer sein wollen, die in Interaktion mit den Archiven treten wollen. Dazu braucht es Archive, die sich auf ihre Nutzer zu bewegen und eine veränderte Perspektive einzunehmen. Dies bedeutet nicht archivische Standards aufzugeben, es erfordert aber ein neues institutionelles Selbstverständnis.
Im Rahmen einer exemplarischen Untersuchung verschiedener Archivsparten soll ein Einblick in den aktuellen Zustand der deutschen Archivlandschaft gewonnen werden, um so Antworten darauf zu finden, inwiefern das deutsche Archivwesen tatsächlich an einem Wendepunkt steht. Dabei geht die Studie von einem integrativen Ansatz aus, der die bislang getrennt betrachten Bereiche der archivarischen Kernaufgaben Bewertung, Erschließung und Bereitstellung und der Historischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit miteinander verzahnt. Es wird zu fragen sein, ob die bereits 1990 von Franz-Josef Jakobi angeregte Neuausrichtung der Kernaufgaben an einer Didaktik des Archivs in der Praxis umgesetzt wird.
Die in der geschichtskulturellen Analyse gewonnenen Ergebnisse sollen abschließend in eine pragmatische Anbindung münden. Aus der Perspektive des Archivs sollen erste Parameter entwickelt werden wie das Archiv didaktisch gedacht werden kann. Dabei soll ein integratives Konzept zugrunde gelegt werden, das sowohl die Aktivitäten im Bereich des historischen Lernens als auch die Kernaufgaben des Archivs berücksichtigt. Denn zur vollständigen Entfaltung einer Theorie über das Lernen im Archiv bedarf es der Einbeziehung der Fachdidaktik, die im Rahmen dieses Dissertationsprojektes erstmals als theoretische Fundierung im Vordergrund steht.

 

7 Gedanken zu „Archive als Institutionen der Geschichtskultur. Zum Selbstverständnis und zur Didaktik des Archivs

  1. Eine paar schnelle Gegenfragen:
    Müssen wir unser „angestaubtes“ Image radikal ändern oder können wir es nutzen?
    Welchen Markenkern sollen wir denn „verkaufen“ – offene Orte der Identitätsstiftung, moderne Ort der digitalen Langzeitarchivierung, Bewahrer des analogen Kulturerbes, …..?

    1. Ich denke nicht, dass wir das angestaubte Image radikal ändern müssen. Und eigentlich ist es ja gerade das spannende, aber auch das herausfordernde beim „verkaufen“ der Marke Archiv, dass wir alles sind: offene und moderne Orte, aber eben auch ein so ganz anderer Ort, nämlich ein etwas aus der Zeit gefallener, als Bewahrer des analogen Kulturerbes.

  2. Bitte das Verbreitetsein des eingangs geschilderten Bilds vom Archivar auch belegen! Es wird allzuoft aus dem Bauchgefühl heraus bemüht, meine ich.

      1. Herr Kühnel hat recht, es fehlt ein empirischer Befund. Außerdem, so scheint mir, sind die Archivarinnen und Archivare die Ersten, die das Bild vom schrulligen Archivar im staubigen Kellergewölbe immer wieder im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit präsentieren, um sich anschließend davon abzugrenzen. Es wäre dann kein Wunder, wenn das falsche Label am Berufsstand klebenbleibt. Es gibt eben kein gleichermaßen eingängiges Bild vom Archivar/von der Archivarin von heute. Es müssten entweder mehrere Bilder sein, um die Vielfalt der Arbeit abzudecken, oder es fehlt die Unverwechselbarkeit: Ein Büro mit PC-Arbeitsplatz zum Beispiel ist eben Arbeitsrealität, aber nicht unverwechselbar archivarisch.
        Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf die Masterarbeit von Sven Haarmann, die er auf dem diesjährigen Deutschen Archivtag vorgestellt hat und in der er gerade dafür plädiert, mit den Klischees vom Staub zu spielen: https://opus4.kobv.de/opus4-fhpotsdam/frontdoor/index/index/docId/1066, (insbesondere S. 32).

  3. Die archivische „Staubecke“ ist ja ein aktuelles Thema – Vortrag von Joachim Kemper: „Externe Kommunikation und digitale Vermittlung – heraus aus der archivischen Staubecke?“ in Wien:

    #archive20 Sehr gespannt. Etwas Mühe wird es den @Jo_Kemper aber schon kosten, dass wir ihm den Staub-Topos durchgehen lassen. https://t.co/UCMHXPdRIH— Thomas Stockinger (@thstockinger) 6. November 2016

    Link zum Abstract des Vortrags: https://bioeg.hypotheses.org/1944

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