Europäische Archive und das Web 2.0 (Silke Jagodzinski)

Allgemein, Archivwahrnehmung, Öffentlichkeitsarbeit

Europäische Archive und das Web 2.0

von Silke Jagodzinski

Beitrag im Rahmen der Sektion „Neue Formen des Dialogs“, 84. Deutscher Archivtag 2014 in Magdeburg (Druckfassung: Neue Wege ins Archiv – Nutzer, Nutzung, Nutzen. 84. Deutscher Archivtag in Magdeburg, Fulda 2016, S. 87-97).

Das Archivportal Europa bietet einen Zugang zu archivischen Erschließungsinformationen sowie zu weiterführenden Informationen zu Archiven aus ganz Europa. Es wurde zwischen 2009 und 2015 von zwei von der Europäischen Kommission entwickelten Projekten, APEnet und APEx erstellt wird seit Oktober 2015 von der Stiftung Archivportal Europa betrieben und weiterentwickelt. Institutionen aus 33 Ländern waren zuletzt als Partner im APEx-Projekt vertreten. Die Projektpartner waren hauptsächlich die Nationalarchive oder die nationalen Archivverwaltungen der beteiligten Länder.

Die Weiterentwicklungen des Archivportals Europa bestehen zum einen aus dem inhaltlichen Ausbau des Portals mit der Einbindung möglichst vieler Archive aus allen Archivsparten und deren Erschließungsinformationen. Zum anderen wird das Portal laufend technisch fortentwickelt. Dabei werden für die an das Portal liefernden Institutionen, die Datenbereitsteller, Werkzeuge und Abläufe für ein möglichst einfaches Datenmanagement im Portal entwickelt sowie Funktionen zur komfortablen Handhabung des Portals für die Nutzerinnen und Nutzer integriert. Das Archivportal Europa ist jedoch nicht allein für Abfragen durch die Nutzer gedacht, sondern soll zukünftig weitere Funktionen anbieten, die eine interaktive Nutzung der Daten im Sinne des Web 2.0 erlauben. Der Begriff Web 2.0 wird an dieser Stelle großzügig interpretiert. Jede Art von Nutzerbeteiligung sowie von Technologien und Methoden, die eine Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer ermöglichen, werden an dieser Stelle einbezogen.

Vor diesem Hintergrund stellte sich für das APEx-Projekt die Frage, welche Funktionalitäten in einem Archivportal für Nutzer sinnvoll sind und wie die Informationen aus dem Portal möglichst nutzerfreundlich zugänglich gemacht werden können. Im APEx-Projekt wurde daher eine Studie durchgeführt, die Web-2.0-Angebote in den Online-Angeboten der Partnerinstitutionen erfragt und für die Weiterverwendung im Archivportal Europa analysiert. Hierbei wurde insbesondere die Sichtweise der Archivarinnen und Archivare beachtet, d. h. es wurde danach gefragt, welche Web-2.0-Funktionen sie für Archive für sinnvoll und wichtig erachten und wie sie jeweils den Bedarf bei den Nutzerinnen und Nutzer der Archive einschätzen.

Die Studie zur Verwendung von Web-2.0-Technologien bei den APEx-Partnern

Die Arbeit im APEx-Projekt wurde in acht Arbeitspakete aufgeteilt, wobei das Arbeitspaket 6, unter der Leitung des estnischen Nationalarchivs, für die Themen Nutzerfreundlichkeit und Web 2.0 zuständig war. Am Arbeitspaket beteiligt waren außerdem die Nationalarchive aus den Niederlanden, aus Belgien, Bulgarien, Ungarn, Lettland und Schweden, die Generaldirektion für Archive im Ministerium für Kultur aus Portugal und das Ministerium für Bildung, Kultur und Sport in Spanien, das Konsortium International Centre for Archival Research sowie das deutsche Bundesarchiv.

Um den Bedarf nach geeigneten Web-2.0-Anwendungen für das Archivportal Europa zu analysieren, erstellten die Mitarbeiter des Arbeitspakets 6 im Sommer 2012 einen Fragebogen zum Einsatz von nutzerorientierten Angeboten und Funktionen in Archiven, der an alle, damals 28, APEx-Projektpartner versendet wurde. 22 Institutionen nahmen an der Umfrage teil. Auch in der Studie wurde der Begriff Web 2.0 weit gefasst: Berücksichtigt wurde jede Art von Nutzerbeteiligung und von Technologien und Methoden, die eine Nutzerbeteiligung ermöglichen. Daneben muss beachtet werden, welche Institutionen hier befragt wurden. Die APEx-Partner waren im Allgemeinen Nationalarchive und nationale Archivverwaltungen, was bedeutet, dass die Antworten im Fragebogen lediglich widerspiegeln, wie die europäischen Nationalarchive die Situation einschätzten. Einzig für Frankreich konnte die Archivdirektion die Anwendungen in weiteren staatlichen Archiven einbeziehen. Die Umfrage bildet daher auf keinen Fall die Mehrheitsmeinung europäischer Archive ab, gibt aber einen Einblick in die Situation im Jahr 2012.

Die Ergebnisse der Umfrage flossen in zwei Analysen zur Verwendung von Web-2.0-Lösungen in archivischen Anwendungen ein.[1] Diese bildeten, neben weiteren Evaluationsstudien, die Grundlage für die konzeptionelle Entwicklung und Implementierung von Web-2.0-Anwendungen im Archivportal Europa.

Die Anwendung von Web-2.0-Technologien

Zunächst wurde im Fragebogen nach der Verwendung ausgewählter Technologien und Methoden, die einen Zugang zu Archivmaterial oder eine Interaktion für die Nutzerinnen und Nutzer in den Online-Angeboten der Partner ermöglichen, gefragt. Die APEx-Projektpartner wurden gebeten, zu jeder verwendeten Technologie eine kurze Beschreibung und, wenn möglich, einen Link hinzuzufügen. Die Auswahlliste enthielt insgesamt neun Nennungen (ohne Gewichtung):

 

  • die Nutzung sozialer Netzwerke und Medien (Foren, Blogs etc.),
  • die Möglichkeit, direkte Rückmeldungen zu den Erschließungsinformationen zu geben, um bspw. einen Fehler zu melden,
  • personalisierte Recherchehilfen wie Lesezeichen, Speichermöglichkeiten für Suchen und Suchergebnisse, der Aufbau eigener Datenbanken etc.,
  • Crowdsourcing-Anwendungen,
  • die Möglichkeit zur Annotation von Erschließungsinformationen (Tagging),
  • Anwendungen, um virtuelle Ausstellungen zu erstellen,
  • Filter für Suchergebnisse,
  • Anwendungen für einen mehrsprachigen Zugang zu den Informationen,
  • Anwendungen, um die archivischen Erschließungsinformationen und ggf. die Digitalisate als Linked (Open) Data zu veröffentlichen.

 

Für die folgende Zusammenfassung der Antworten wurden die Aspekte der virtuellen Ausstellungen, die Möglichkeiten der Filterung von Suchergebnissen und Aspekte zur Anwendung von Mehrsprachigkeit weitgehend außen vor gelassen, da diese nur wenig mit der Interaktion von und mit Nutzern zusammenhängen. Des Weiteren wurden die Antworten von 2012 durch eine nachträgliche Recherche aktualisiert und auf die bis zum September 2014 hinzugekommenen Projektpartner ausgedehnt.[2]

Zur Nutzung sozialer Netzwerke

Von 32 APEx-Projektpartnern (Stand: September 2014) nutzen 28 Institutionen soziale Netzwerke, um über ihre Einrichtung zu kommunizieren. Sie alle haben eine Facebook-Seite, einige Einrichtungen bedienen weitere soziale Netzwerke. Elf von 32 Partnern, also ca. ein Drittel, haben einen oder mehrere Twitteraccounts. Beide Medien werden hauptsächlich genutzt, um Nachrichten und Neuigkeiten aus dem Archiv nach außen zu tragen, und bilden somit ein zusätzliches Medium für die Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen. In einigen Fällen werden diese Kanäle ausdrücklich als Plattform für Rückmeldungen seitens der Nutzer genannt, praktisch findet jedoch eher ein, mitunter sehr aktiver, Austausch unter Kolleginnen und Kol- legen aus Archiven statt.

Ebenfalls ca. ein Drittel der APEx-Projektpartner, nämlich zehn Institutionen, nutzen öffentliche Videoportale, um Filme zu veröffentlichen. Hier ist YouTube die meistgenutzte Plattform, aber auch die Portale Vimeo und Dailymotion werden genutzt. Die einzelnen Archive bespielen meist eigene Videokanäle auf den Portalen. Die Anzahl der bereitgestellten Filme variiert beträchtlich. So stellt das schwedische Riksarkivet acht Videos zur Verfügung, wohingegen die italienische Archivverwaltung mit 168 Videos aufwarten kann. Auch Inhalt und Charakter der veröffentlichten Filme sind sehr unterschiedlich. Einige Nationalarchive, wie die aus Estland, Italien, Lettland und das Schweizerische Bundesarchiv, veröffentlichen historische Filmausschnitte, Filmaufnahmen und auch Wochenschauen. So bietet die italienische Archivverwaltung eine schöne Aufnahme vom Giro d’Italia aus dem Jahr 1940 an. Andere Institutionen veröffentlichen eigens produzierte Filme zum Archiv (Imagefilm), zu seinen Beständen, Ausstellungen oder Veranstaltungen. Erwähnenswert ist hier das Riksarkivet in Norwegen mit einer eigenen Diskussionsreihe „Auf einem Sofa im Archiv“[3], in der bspw. einige Wochen vor der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien 2014 über den Zusammenhang von Fußball und Geschichte gesprochen wurde. Auch der Film des historischen Kochklubs im norwegischen Nationalarchiv, der ein historisches Rezept für einen Zuckerkuchen mit Branntwein nachbackt, ist außergewöhnlich. Daneben werden Aufnahmen von Fachvorträgen, Veranstaltungen und Hilfevideos für Nutzerinnen und Nutzer, aber auch für Archivarinnen und Archivare angeboten. Das Rigsarkivet in Dänemark leitet seine Nutzerinnen und Nutzer zum Beispiel in „Quellen zu Kriminellen [4] an, wie kriminelle Vorfahren  recherchiert werden können.

Bildplattformen werden von weniger APEx-Projektpartnern genutzt als Videoportale. Es ist anzunehmen, dass die meisten der Partnereinrichtungen eigene Bilddatenbanken und Lösungen für die Recherche, Ansicht und Bestellung von Bildern anbieten. Zwei der sechs Institutionen, die öffentliche Bildportale nutzen, bedienen gleichzeitig verschiedene Portale, vermutlich, um unterschiedliche Nutzergruppen anzusprechen. Konkret handelt es sich um die Angebote von Flickr und Pinterest, die bespielt werden. Auf den Bildplattformen werden von den Archiven in erster Linie thematische Sammlungen historischer Bilder oder Postkarten veröffentlicht.

Nach den sozialen Netzwerken, Video- und Bildplattformen wird die Nutzung weiterer Funktionen nur noch vereinzelt genannt. Vier Archive haben einen oder mehrere Blogs, die regelmäßig bedient werden. Hierbei nutzen die Nationalarchive von Estland und Finnland sowie die französischen Departementalarchive kostenfreie Dienste wie WordPress, Blogspot und Tumblr. Die Blogs werden in unterschiedlichen Intervallen mit neuen Texten erweitert, in Estland bspw. wöchentlich, in Finnland 14-tägig. Die Beiträge behandeln fast ausschließlich archivische und archivfachliche Themen. Hierbei wird über die Arbeit des Archivs und einzelner Abteilungen und Projekte berichtet. Mitunter werden auch Bestände und einzelne Archivalien näher vorgestellt. So bindet das estnische Nationalarchiv die vorgestellten Dokumente in Geschichten ein, um einen lesbaren Kontext herzustellen. Im Beitrag „Rätselhafter Mord im Telegrafenamt von Tallinn“[5] wird die Planzeichnung des Telegrafenamts in Tallinn, die für eine Gerichtsverhandlung über einen Todesfall angefertigt wurde, vorgestellt. Die Zeichnung spielte bei der Aufklärung des Todesfalls eine Rolle und die Archivalie wird so auf unterhaltsame Weise in ihrem Entstehungszusammenhang beschrieben. Ebenfalls erwähnenswert ist der Blog der norwegischen Archivare „Historische Kochkunst“[6], auf dem Rezepte aus einer überlieferten privaten Rezeptsammlung von 1815 gekocht oder gebacken und, wenn nötig, modernisiert werden.[7] Der oben erwähnte Film zum Backen des Zuckerkuchens mit Branntwein stammt ebenfalls von den Herausgeberinnen dieses Blogs.

Ein institutseigenes Forum nutzt einzig das finnische Nationalarchiv. Die Einträge der Nutzerinnen und Nutzer enthalten meist konkrete genealogische und wissenschaftliche Anfragen, die von den Archivarinnen und Archivaren beantwortet werden. Der Unterschied zur herkömmlichen Nutzeranfrage liegt hier natürlich im öffentlichen Charakter sowohl der Frage als auch der Antwort.

Vereinzelt werden Aktivitäten in einem Rahmen angeboten, der nicht klassisch auf Mitteilung, jedoch auf Interaktion zielt. Die Archives départementales des Hauts-de-Seine sind bei Foursquare registriert und das finnische Nationalarchiv hat einen Geocache versteckt und sendet einen Travelbag auf die Reise.

Direkte Rückmeldungen an das Archiv

Ein wichtiger Punkt für die elektronische Kommunikation zwischen einem Archiv und seinen Nutzerinnen und Nutzern ist die Möglichkeit, zu den Erschließungsinformationen von Beständen und Archivalien Rückmeldungen geben zu können. Obwohl die Qualität der Erschließung als wesentliches Merkmal erachtet wird, sind Möglichkeiten zur direkten Mitteilung von Fehlern oder Kommentaren zur weiteren Verbesserung der Qualität nicht sehr weit verbreitet. Die genannten Gründe liegen in den Annahme des potenziellen Missbrauchs dieser Rückmeldefunktionen und der Befürchtung, die hohe Anzahl der Rückmeldungen nicht angemessen bewältigen zu können. Lediglich fünf Partner bieten an, direkt zu einem Findbuch oder zur Beschreibung einer Verzeichnungseinheit Feedback zu geben. Hier wird ein Link oder eine Schaltfläche angeboten, die ein Formular zur Texteingabe öffnet. Die Informationen werden, zusammen mit der Referenz zur Verzeichnungseinheit oder zum Findbuch, direkt an das Archiv weitergeleitet. Die weiteren Einrichtungen verweisen in diesem Zusammenhang auf spezielle oder allgemeine E-Mail-Adressen und auf die sozialen Netzwerke.

Die Personalisierung der Recherche

Fast alle befragten Archive bieten eine übergreifende Suche über die Bestände und damit verbunden auch einen personalisierten Bereich an. Hier wird in jedem Fall ein personengebundener Login für die Verwaltung von Nutzerdaten angeboten, die im Lesesaal nachgenutzt werden können. In einem zweiten Schritt wird das Speichern der Suche, der Suchergebisse oder von Lesezeichen zu den einzelnen Verzeichnungseinheiten ermöglicht. In einigen Archiven können zudem Archivalien über die Rechercheanwendung in den Lesesaal bestellt oder Digitalisate angefordert werden. Möglichkeiten zum Anlegen eigener Sammlungen aus den Erschließungsdaten, eigener Datenbanken oder sogar von eigenen Findbüchern sind dagegen kaum vorhanden.

Weitere Angebote

Das Crowdsourcing ist in den Nationalarchiven Europas vergleichsweise wenig verbreitet. Teilweise in Zusammenarbeit mit genealogischen Organisationen nutzen die Nationalarchive von Schweden, den Niederlanden, Estland und einige französische Archive diese Dienste. In erster Linie werden die Transkription von Textdokumenten und Namen sowie die Identifizierung von Fotografien bzw. von Personen und Orten auf den Bildern von den Nutzerinnen und Nutzern erbeten.

Das Tagging, also die Anreicherung von Erschließungsinformationen mit Schlagworten, Namen und Orten oder die Anmerkung mit einzelnen Begriffen, wird ebenfalls vergleichsweise wenig angeboten. In drei Einrichtungen muss die Nutzerin/der Nutzer registriert sein, um ein Schlagwort aus einer Begriffsliste anzubringen. Die französischen Archives départementales du Cantal offerieren ihren Nutzern zwar das Hinzufügen von Informationen zu einer Archivalie ohne vorherige Anmeldung, allerdings handelt es sich hier um die Transkription von Namen und Datierungen, wobei die möglichen Eingaben auf diese beiden Informationsarten beschränkt sind. Somit fällt dieser Service eher in die Kategorie Crowdsourcing.

Die Frage an die Partner nach dem Angebot der Veröffentlichung von Informationen als Linked Data oder Linked Open Data berührt im Grunde keine Web-2.0-Anforderung und entfernt sich von der Frage der Nutzerbeteiligung hin zum Semantic Web. Mit Linked Data können die vom Archiv erstellten Daten anderen Informationsangeboten zur freien Nachnutzung zur Verfügung gestellt werden. Bis dato bietet einzig das niederländische Nationalarchiv einige Daten als offene Daten zur freien Nachnutzung an, jedoch nicht als Linked Data, da sie als reine XML-Daten weitergeleitet werden.

Zum Nutzen von Web-2.0-Anwendungen in Archiven

Im zweiten Teil des Fragebogens wurden die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen gebeten einzuschätzen, wie die genannten Angebote und Technologien für Nutzerinnen und Nutzer und für Archivarinnen und Archivare in ihrer Relevanz priorisiert werden sollten. Die folgende Tabelle zeigt die Reihenfolge der Priorität, wie sie von den 22 APEx-Projektpartnern im Jahr 2012 eingeschätzt wurden.

 

Nutzerinnen/Nutzer Archivarinnen/Archivare
1 Benutzerkonto Feedback-Funktion
2 Feedback-Funktion Linked (Open) Data
3 Tagging Tagging
4 Linked (Open) Data Virtuelle Ausstellungen
5 Facettierte Suche Facettierte Suche
6 Virtuelle Ausstellungen Benutzerkonto
7 Soziale Netzwerke Soziale Netzwerke
8 Mehrsprachigkeit Crowdsourcing
9 Crowdsourcing Mehrsprachigkeit

Tabelle 1: Von APEx-Projektpartnern priorisierte Web-2.0-Anwendungen

Interessanterweise wird die nachweislich am meisten genutzten Web-2.0-Anwendung, nämlich die Kommunikation durch soziale Netzwerke, sowohl für die Nutzerinnen und Nutzer als auch für die Archive erst gegen Ende genannt. Dagegen wird die Möglichkeit der direkten Rückmeldung an ein Archiv für beide Seiten als sehr wichtig eingeschätzt, aber nur in fünf Nationalarchiven als einfache und eigene Funktion angeboten.

Bei der weiterführenden Analyse der Ergebnisse mit Blick auf eine entsprechende Erweiterung des Angebots im Archivportal Europa wurden von den hier genannten Funktionen die ersten fünf berücksichtigt, die für Nutzerinnen und Nutzer von den Archiven als besonders wichtig eingeschätzt wurden. Die Einrichtung eines individuellen Benutzerkontos, die Möglichkeit, direkte Rückmeldungen an das Archiv zu geben, sowie die facettierte Suche sind im Portal bereits umgesetzt und nutzbar. Die Möglichkeit, archivische Beschreibungsinformationen mittels Tagging anzumerken und die gelieferten Daten als Linked Data weiterzuleiten, sind innerhalb des APEx-Projekts konzipiert worden, konnten aber in der verbleibenden Projektlaufzeit technisch nicht mehr umgesetzt werden. Sie wurden als Aufgabe an die Stiftung Archivportal Europa, die den Betrieb und die Weiterentwicklung des Portals ab Oktober 2015 übernahm, weitergegeben.

Linked Data

Linked Data war das bis dato unbekannteste und am wenigsten verbreitete Thema des Fragebogens der Studie. Dennoch wird das Angebot von Linked Data für Archive und seine Nutzerinnen und Nutzer von den APEx-Projektpartnern als wichtig eingeschätzt. Diese Gewichtung in den Antworten des Fragebogens kann mit der Erwartung zusammenhängen, dass Linked Data in einem übergreifenden Angebot wie dem Archivportal Europa eher entwickelt und implementiert wird als in einer einzelnen Institution. Ein weiterer Grund für die vergleichsweise hohe Priorisierung dürfte darin liegen, dass nach derzeitigem Stand der Linked-Data-Ansatz und die entsprechende Technologie in Zukunft Voraussetzung für den Austausch von Daten und Informationen, nicht nur im Bereich der Kulturerbe-Institutionen, werden könnte.

Linked Data ist ein Begriff aus dem Bereich des Semantic Web. Das Semantic Web bzw. das Semantische Netz ist die Idee, dass Begriffe und Informationen aufgrund ihrer Bedeutung, also der Semantik, automatisiert, zum Beispiel durch Suchmaschinen, miteinander in Beziehung gesetzt werden. Im Ergebnis kann bspw. unterschieden werden, ob der Begriff „Berlin“ die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet, den Nachnamen des Jazzmusikers Frieder Berlin, den Seenotkreuzer Berlin oder etwas anderes. Die Zuordnung von semantischen Informationen zu einem Begriff, die Verbindung der Informationen untereinander und die Veröffentlichung als Linked Data bilden daher die Grundlage des Semantic Web. Eine sehr gute, etwa vierminütige Einführung zum Thema gibt das vom Portal Europeana veröffentlichte Video „Linked Open Data. Was ist das eigentlich?“.

Das folgende Beispiel soll vor Augen führen, wie eine einfache Linked-Data-Nutzung im Kulturbereich aussehen könnte: Angenommen, die Bundeszentrale für politische Bildung baut ein virtuelles Nachschlagewerk zu den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland auf. Die Bundeszentrale verknüpft dabei die Datensätze des jeweiligen Bundespräsidenten mit einem eindeutigen Identifikator, d. h. mit einer Normdatei. Neben den Lebensdaten wird eine Biografie hinzugefügt. Diese Informationen werden im Web-Angebot des Nachschlagewerks zu einer Person, bspw. Theodor Heuss, angezeigt. Darüber hinaus werden aus verschiedenen anderen Quellen gezielt Informationen via Linked Data eingespielt, da auch diese Informationen mit dem eindeutigen Identifikator der Person verknüpft sind. Aus dem Angebot des Deutschen Historischen Museums, LeMO, wird ein Porträtfoto von Theodor Heuss angezeigt. Dazu wird aus dem weltweiten Bibliothekskatalog WorldCat die Literatur von und über Heuss jeweils mit Links zum Bestellsystem der vorhaltenden Bibliothek angeboten. Aus einem Archivportal, bspw. dem Archivportal Europa, werden Quellen von und zu Heuss in den Archiven, jeweils mit Links zum verwahrenden Archiv, eingeblendet. Als weitere Quelle könnte ein Personenlexikon alle Personennamen anzeigen, die während der Amtszeit des Bundespräsidenten Heuss einem Bundeskabinett angehörten. Die Vorteile eines solchen Informationsangebots liegen klar auf der Hand: Der Nutzer, der die Anfrage zu einem Bundespräsidenten startet, erhält nicht nur die Informationen einer Institution, sondern auch die von anderen Einrichtungen erstellten und relevanten Daten ohne zusätzliche Recherche.

Linked Data ermöglicht dies, weil Informationen derart bereitgestellt werden, dass sie spezifisch, aber aus verschiedenen Blickwinkeln abgefragt werden können. Bisher konnten Informationen verschiedener Einrichtungen über standardisierte Datenbank-Schnittstellen eingebunden werden. Mit Linked Data kann diese Abfrage nicht nur gezielter, sondern auch weitaus breiter erfolgen, da hier ein global gültiges, von den meisten Sparten und Disziplinen genutztes Datenformat zugrunde liegt. Linked Data sind also maschinenlesbare und nach einem standardisierten Dateiformat strukturierte Informationen, die mittels Uniform Resource Identifier (URI), einem eindeutigen Identifikator, angesprochen werden können und darüber wiederum zu weiteren Daten verlinkt sind. Werden diese maschinenlesbaren, strukturierten und verlinkten Informationen ohne Einschränkung zur Nutzung freigegeben, werden sie Linked Open Data, offene vernetzte Daten, genannt. Das dahinterliegende Konzept für die Kodierung von Daten wird Resource Description Framework (RDF) genannt.

RDF-basierte Datenformate kodieren Informationen in sogenannten Tripels, einer Subjekt-Prädikat-Objekt-Verbindung, womit die Beziehung einer Information zu einer anderen beschrieben wird. Ein Tripel-basiertes Datenformat für Kultureinrichtungen ist bspw. Resource Description and Access (RDA), das von der Deutschen Nationalbibliothek mitentwickelt wird. Erste Ansätze mit archivischen Informationen in RDF-basierten Formaten gibt es bereits in der Deutschen Digitalen Bibliothek und in Europeana, da das jeweils zugrunde liegende Europeana Data Modell (EDM) auf RDF beruht. Daten aus Archiven, die in dem internationalen Standard Encoded Archival Description (EAD) als archivisches Austauschformat vorliegen, werden bereits im deutschen Archivportal und im Archivportal Europa nach EDM übertragen und dann im deutschen Archivportal, der Deutschen Digitalen Bibliothek und im Portal Europeana präsentiert. Diese Daten sind bislang nicht über eine Schnittstelle als offene Daten frei abrufbar, können aber vom Datenmodell her zu Linked Data werden.

Trotz des inhaltlich und technisch überzeugenden Ansatzes von Linked Open Data bestehen insbesondere für Archive, aber auch für andere Kulturerbe-Einrichtungen Herausforderungen. So ist für archivische Erschließungsdaten zu prüfen, ob entsprechende Verknüpfungen zu Normdaten enthalten sind oder ob diese nachträglich angereichert werden können. Nur über derartige Verknüpfungen werden Daten zu Linked Data. Gleichzeitig verbinden sich mit RDF-basierten Datenformaten oftmals objektzentrierte Ansätze, die weit weniger den Kontext eines Dokuments beschreiben. In diesem Konzept stößt bspw. die Abbildung einer Hierarchie an ihre Grenzen.

Zusammenfassung

Fast alle APEx-Projektpartner, d. h. die Mehrheit der Nationalarchive in Europa, sind in sozialen Netzwerken vertreten und kommunizieren darüber. Dies zeigt eine grundsätzliche Bereitschaft, sich mit den „Neuen Medien“ auseinanderzusetzen. Hierfür gibt es im Archivbereich bisher keinen Kanon, keine Tradition und keine allgemein gültige Anleitung. Vermutlich sind die neuen Medien und soziale Netzwerke bisher auch nicht Teil der archivischen Ausbildung, daher wird an dieser Stelle viel experimentiert. Entsprechend unterschiedlich sind die Beiträge in ihrer Quantität und Qualität. Zudem lässt sich feststellen, dass vor allem Aktivitäten und Implementierungen, die einen technischen Mehraufwand bedeuten, wie Crowdsourcing- und Tagginganwendungen, weitgehend vermieden werden. Ebenfalls eher vorsichtig verfolgt werden Aktivitäten, die einen redaktionellen oder archivarischen Mehraufwand bedeuten, wie die direkte Rückmeldung zu den gegebenen Informationen, Foren oder Blogs.

In diesem Sinne werden die hier genannten bzw. erfragten Web-2.0-Methoden und Technologien in erster Linie für die Verbreitung von Nachrichten genutzt und nicht sehr stark für die wechselseitige Kommunikation mit Nutzerinnen und Nutzern. Web 2.0 geht jedoch grundsätzlich darüber hinaus und bedeutet neben gegenseitigem Austausch und Kommunikation vor allem auch Teilhabe und Teilnahme. Es beinhaltet die wechselseitige und nicht die einseitige Kommunikation zwischen Nutzerinnen und Nutzern und den Anbietern im Netz. In dieser Hinsicht ergibt sich aus der Analyse der Antworten ein nordeuropäischer Schwerpunkt in der Anwendung von Web-2.0-Techniken in den Nationalarchiven. In fast allen erfragten Bereichen aktiv sind die Einrichtungen in Estland, Finnland, Schweden, Norwegen und den Niederlanden, die besonders ideenreich dabei sind, den eigenen Nutzerinnen und Nutzern die Einrichtung Archiv, aber auch die Bestände und Arbeitsweise zu vermitteln und gleichzeitig einen möglichst umfangreichen Service anzubieten. Hier sind, statistisch gesehen, auch die meisten Internetnutzer pro Bevölkerungsanteil zu finden, was mit Blick auf die Umsetzung von Web 2.0 durchaus relevant scheint.

So ist es in diesem Sinne zwar legitim, dass die Einrichtungen der einzelnen Länder mit unterschiedlichem Aufwand und unterschiedlichen Strategien ein Web-2.0-Angebot aufbauen. Für jene, die das Thema Archive und Web 2.0 in den letzten Jahren verfolgt haben, muss sich jedoch der Eindruck verfestigen, dass die großen Archive, bis auf Ausnahmen, unbeweglicher als kleinere Einrichtungen sind. Archive mit weit weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die eher auf regionaler, lokaler oder thematischer Ebene wirken, erscheinen weitaus experimentierfreudiger und aktiver zumindest in der Nutzung sozialer Netzwerke und Medien zur Kommunikation.

Um auf dem Gebiet der Web-2.0-Angebote strategisch zu handeln, ist es sinnvoll, im Vorfeld zu definieren, was oder wen ein Archiv mit dem Einsatz von Web-2.0-Technologien mittel- und langfristig erreichen möchte. Zugleich können die anzuwendenden Methoden nach dem Kosten-Nutzen-Modell bewertet werden, um zu entscheiden, welche Methode wann und wofür angewendet werden soll. Dies schließt auch die Frage mit ein, welcher Aufwand für das einzelne Archiv sinnvoll ist und welche Methoden eher für gemeinsame Angebote, wie die Portale, zu verfolgen sind. In jedem Fall sollte die Auseinandersetzung mit Web 2.0 im Zuge der Nutzerorientierung und mit Blick auf heutige Nutzererwartungen auf der Tagesordnung stehen. Und vielleicht lässt sich ja der erste Schritt in dieser Richtung, die Präsenz in sozialen Netzwerken, auch dazu verwenden, weiteren Einblick in das zu gewinnen, was sich die Nutzerinnen und Nutzer am ehesten erhoffen.

[1] Vgl. „D6.1 First Analysis report: Applying Web 2.0 solutions in archival applications“ und „D6.6 Second analysis report: Applying Web 2.0 solutions in archival applications“ beide als öffentliche Projektberichte an die Europäische Kommission vom APEx-Projekt.

[2] Die Aktualisierung erfolgte im Rahmen der Ausarbeitung des Vortrags für den 84. Archivtag und gibt den Stand vom September 2014 wieder.

[3] Norwegisch „I en sofa på arkivet“.

[4] Dänisch „Kilder til kriminelle“.

[5] Estnisch „Mõistatuslik mõrtsukatöö Tallinna posti-telegraafikontoris“.

[6] Norwegisch „Historisk Kokekunst“.

[7] Der Blog ist im November 2016 leider nicht mehr online.

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