Archiv- und Arbeitsorganisation 2.0

Allgemein, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit

Archiv- und Arbeitsorganisation 2.0 – Der Versuch einer Annäherung in einem kleineren Archiv

Beitrag im Rahmen der Sektion „Neue Formen des Dialogs“, 84. Deutscher Archivtag 2014 in Magdeburg (Druckfassung: Neue Wege ins Archiv – Nutzer, Nutzung, Nutzen. 84. Deutscher Archivtag in Magdeburg, Fulda 2016, S. 99-107)

Annäherungen an die Nutzung der Sozialen Medien

Dieser Beitrag versteht sich als „Annäherung“ an die archivische Nutzung der Sozialen Medien.[1] Das Stadtarchiv Speyer, das seit Mai 2012 als „Abteilung Kulturelles Erbe“ innerhalb der Stadtverwaltung Speyer firmiert, nutzt seit dem Frühjahr 2011 eine ganze Reihe von Anwendungen aus dem Web 2.0-Bereich.[2] Dabei konnten einige Erfahrungen gesammelt werden – und der vorliegende Beitrag will daher auch über typische „Folgeerscheinungen“ im Umgang mit den Sozialen Medien berichten. Kurz gesagt: Es geht dem Archivteam (und dem Archivleiter) nach dieser mehrjährigen „Annäherung“ gut – und die beteiligten Archivarinnen und Archivare haben viele neue sowie zumeist positive Erfahrungen sammeln dürfen. Aber die Arbeit in den Sozialen Medien ist für eine Gedächtnisinstitution kein Selbstzweck, sondern vor allem: Sie ist mittlerweile Bestandteil der alltäglichen Aufgaben geworden.

Welche Folgen oder Folgeerscheinungen des archivischen Umgangs mit den Sozialen Medien sind gemeint? Hier wird zunächst eine kurze Auflistung (ohne Gewähr auf Vollständigkeit) präsentiert:

  • Unser Stadtarchiv ist erheblich präsenter im Netz geworden.
  • Der Internetauftritt hat seit 2011 an Bedeutung verloren – und dies, obwohl die Homepage auch äußerlich ansprechend gehalten ist bzw. aktuell gehalten wird.
  • Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen und müssen in die „Neue Welt“ mitgenommen werden. In kleineren Archiven bedeutet dies: Das Team „zieht mit“, oder das Gesamtvorhaben funktioniert nur unzureichend. Dies ist natürlich eine Beobachtung, die bei weitem nicht nur auf die Sozialen Medien zutrifft, sondern generell bei Roll-outs von Projekten u.ä. wichtig ist. Altersfragen spielen übrigens nur eine untergeordnete Rolle.
  • Die „Neue Welt“ des Web 2.0 birgt gewisse Risiken und Gefahren; dies gilt auch dann, wenn interne Richtlinien gesetzt werden oder externe Berater mit im Spiel sind.
  • „Anfängerfehler“ in den Sozialen Medien unterlaufen nicht nur Praktikanten – ganz im Gegenteil.
  • Andererseits führen diese Risiken oder „Anfängerfehler“ wiederum kaum zu einem (wie man im Szene-Fachjargon sagt) „Shitstorm“.
  • Für das Archivpersonal gilt, dass sich interne Abläufe teilweise verändern.
  • Der Umfang neuer Aufgaben im Bereich der Sozialen Medien hält sich in Grenzen – wie in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen kommt vorausschauender Planung eine erhebliche Bedeutung zu.
  • Die Implementierung und Vorbereitung der Web 2.0-Aktivitäten sollte gut bedacht sein. Als hilfreich dürften sich mittlerweile neben dem fachlichen Austausch insbesondere Workshops und Handreichungen erweisen.[3]
  • Es dürfte also alles in allem wenig „passieren“: „Nobody will die“ (Christian van der Ven).[4]
  • Das Archivpersonal nutzt Werkzeuge der „Arbeitsorganisation 2.0“. Dies sind interne, „kollaborative“ Anwendungen, die nicht bzw. nur teilweise für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
  • Der Nutzerkontakt verändert sich teilweise; er wird auch über zusätzliche Medien getragen, ohne dass sich deshalb der Lesesaal leert.
  • Die Zahl unserer Lesesaal-Benutzer ist andererseits nicht wesentlich angestiegen.
  • Das digitale Publikum, die Zahl derjenigen, die unsere Aktivitäten mit mehr oder weniger Intensität von „draußen“ verfolgt, nimmt erheblich zu. Erheblich heißt: Wir verzeichnen Hunderttausende von Beitragsaufrufen pro Jahr, nimmt man alle Anwendungen zusammen.
  • Eine wichtige Erkenntnis lautet: Die digitale Welt ist Teil der Lebensrealität zahlreicher Menschen. Diese Realität scheint nur ansatzweise in den Archiven angekommen zu sein.
  • Dabei muss man festhalten: Für das Mitwirken im „Mitmach-Web“ der Sozialen Medien benötigt man wenig Technikkenntnisse. Es wird auch keine eigene Haushaltsstelle notwendig – die Sachkosten halten sich in engen Grenzen.
  • Wir haben gemerkt: Die Nutzung der Sozialen Medien ist mehr als ein wichtiger Teil der Öffentlichkeitsarbeit; Kommunikation und Dialog sind ebenso intendiert und möglich. Hiermit ist freilich weniger die Fachkommunikation gemeint, als vielmehr das Gesamt an Fragen, Anregungen und Kommentaren derjenigen, die man früher als „Laien“ bezeichnet hätte. Hier ist noch viel des Weges zu unseren Nutzern zurückzulegen – und es ist Potential vorhanden, dass der kleinen Welt der Archive weiterhelfen kann.[5]
  • Die „analogen“ Öffnungszeiten des Lesesaals bleiben natürlich bestehen. Dennoch mag man ab und an das Gefühl haben, für eine Rundumversorgung der Nutzer online sorgen zu müssen.
  • Wir haben in jedem Fall ein weiteres, bisher wohl eher nicht archivaffines Publikum erreicht. Wir konnten das „Stammpublikum“, also die an Kultur und Geschichte in der Region Interessierten, trotzdem „halten“ bzw. auch diesen Kreis erweitern (immer auch gemessen an den Zahlen aus dem Netz).

 

 

Digitale Strategie und Soziale Medien: Teil 1

Eine ganz wichtige Konsequenz ist, dass die Aktivitäten im Bereich Soziale Medien in die digitale Strategie des Archivs eingebunden werden müssen.[6] Auch kleine und mittlere Archive sind auf digitale Planung sowie digitale Workflows angewiesen. Ebenso ist ein gewisses strategisches Denken unumgänglich – auch wenn manchmal eine taktische Vorgehensweise sinnvoller erscheinen mag, also (frei aus dem Militärischen entlehnt) „die koordinierte Anwendung von Mitteln zur Erreichung eines gegebenen/gewollten Ziels unter Bewertung, Einbeziehung und zieldienlicher Verwendung von vorgefundener Lage, vorhandenen Kräften, räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten“.[7] Auf das Archiv übertragen könnte man damit etwa meinen, dass der Archivar / die Archivarin hinsichtlich der Digitalisierung eher Bestände oder Archivalien priorisiert, die die Nutzer sehen möchten oder für deren Digitalisierung schlicht Geld vorhanden ist. Dies müssen nun nicht immer zugleich diejenigen Bestände sein, die beispielsweise aus einer fachlichen Umfrage unter dem Archivpersonal hervorgehen.

Wie wirken nun die Arbeit des Archivs in den Sozialen Medien und die digitalen Aktivitäten im Stadtarchiv Speyer zusammen? Zunächst erfolgt eine knappe Beschreibung der im Archiv genutzten Sozialen Medien. Der Einsatz Sozialer Medien sollte ganzheitlich sein und nach Möglichkeit nicht bei der derzeit mit Abstand beliebtesten Anwendung (Facebook) halt machen – zumindest eine Ausweitung der Aktivitäten sollte mitgedacht werden. Das Speyerer Stadtarchiv nutzt Facebook sowie namentlich den Kurznachrichtendienst Twitter sehr intensiv: Twitter ist schnell, effektiv und bringt unter Umständen auch erheblichen fachlichen Input. Für Fotopräsentationen und virtuelle Ausstellungen, aber auch für bisher kleine Erschließungsprojekte (unter Einschluss unserer Nutzer) setzen wir allerdings auf Flickr und Pinterest. Wir haben einen eigenen kleinen Videokanal bei YouTube, auf dem bei weitem nicht nur unser Imagefilm zum Stadtarchiv zu finden ist. Für die nachträgliche Information zu Vorträgen und (PowerPoint)Präsentationen bietet sich die Anwendung Slideshare gut an. Dazu kommen mehrere Blogs, die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Archivs betreut oder zumindest mitbetreut werden: Es handelt sich derzeit um sechs Blogs. Am bekanntesten wird sicher das „Offene Archive“-Blog der gleichnamigen Konferenz sein.[8]

Erfreulich ist sicherlich auch, dass die Homepage des Archivs (innerhalb des Webauftritts der Stadt Speyer) gut angenommen wird. Der Internetauftritt wirkt auch optisch einladend. Er bietet denjenigen, die (wenn man so will:) „klassisch“ den virtuellen Weg zum Archiv finden, wichtige Erstinformationen; diese umfassen auch die Links auf die Online-Findmittel und auf die verschiedenen (weiteren) digitalen Präsentationen. Ebenso wird beispielsweise der elektronische Katalog der Archivbibliothek verlinkt. Dennoch: Die Homepage ist statisch, sie ersetzt nicht die derzeit verfügbaren und im Stadtarchiv genutzten „Echtzeitmedien“ des Web 2.0.[9]

Soziale Medien sollten als „Schaufenster“ in ein Archiv (z.B. in dessen Magazine, Lesesaal, zu den Archivalien und zu den archivischen Aufgabenbereichen) funktionieren – nicht unbedingt und immer erscheint allerdings ein „Hochglanz“-Schaufenster nötig bzw. überhaupt sinnvoll zu sein: Der Blick auf die „normale“ Tätigkeit oder Einblicke in für Nutzer wenig oder gar nicht zugängliche Bereiche können genauso reizvoll sein.

Es folgt ein kurzer Blick auf die Blogs des Archivs. Zu diesen zählt ein Online-Tagebuch, mit dessen Hilfe eine umfassende Fotobearbeitung präsentiert und zur Diskussion gestellt wird: Das Blog „Archivar-Kamera-Weltkrieg“ macht damit auf einen bisher völlig unbekannten Fotobestand von etwa 10.000 Fotos zum 2. Weltkrieg aufmerksam.[10] Die Speyerer Gedenkarbeit wird durch ein virtuelles Gedenkbuch („Erinnern in Speyer 1933-1945“) ergänzt. Wir kommen damit der Verpflichtung nach, frühere Forschungen und Dokumentationen nicht auf unabsehbare Zeit auf den Servern der Stadt liegen zu lassen (und zu verlieren). Regelmäßige Blogbeiträge halten das Gedenkbuch in der Öffentlichkeit. Im Fall des Gedenkbuchs hat die Verbindung der virtuellen Präsentation mit der klassischen Pressearbeit gut funktioniert, was zu einer erheblich überregionalen Berichterstattung führte.[11] Wir bieten über das Netz unterschiedliche Schlaglichter auf die Speyerer und regionale Geschichte: Neben dem mittlerweile beendeten, aber weiterhin abrufbaren „Hausbuch-Blog“ werden derzeit zum Ende des 2. Weltkriegs in Speyer „taggenau“ ein Bericht und ergänzende Archivalien (Fotos, Plakate usw.) präsentiert.[12] Weiters sei verwiesen auf Blogs, an denen das Archiv direkt oder indirekt beteiligt ist bzw. die durch Archivmitarbeiter/innen initiiert worden sind.[13]

Die Sozialen Medien bieten auch die unkomplizierte Möglichkeit, analoge Ausstellungen im Nachgang (oder von Beginn an) virtuell sichtbar zu machen: Technisch einfach und rasch umzusetzen ist dies mit Bildernetzwerken wie Flickr oder auch Pinterest.[14] Auch an weiter gehende bzw. neue Ausstellungsformen ist zu denken, etwa den zusätzlichen Einsatz von Barcodes (QR-Codes) bei den Exponaten – oder gar als Exponate. Besucher können mittels mobiler Endgeräte in eine vertiefte und ausführlichere Darstellung der gezeigten Objekte im virtuellen Raum einsteigen. Dies ist auch eine praktikable Lösung, wenn etwa für kleinere Lesesaal-Ausstellungen nur wenig Ausstellungsfläche zur Verfügung steht.[15]

Das Stichwort „Mobile Endgeräte“ ist hier bereits angesprochen – auch als Archivare sollten wir im Blick haben, dass Tablets oder Smartphones aus dem privaten (wie oft auch beruflichen) Leben unserer Nutzer nicht mehr weg zu denken sind.[16] Wichtig zu wissen ist, dass der Zugriff auf archivische Anwendungen oder Angebote bei weitem nicht mehr nur vom heimischen Rechner erfolgt, sondern immer mehr auch von „überall“ her möglich ist. Dies bedeutet (auch wenn viele und manchmal etwas „altertümlich“ wirkende Verbotsschilder in Lesesälen die komplette Nutzung von Mobiltelefonen usw. verbieten): Auch vom Archiv aus, bei Führungen, bei der Nutzung im Lesesaal, bei Veranstaltungen oder in Ausstellungen.[17]

Schließlich wäre, wenn der Blick auf das Smartphone als mittlerweile alltägliches Kommunikationsmittel gerichtet wird, zu überlegen, im Feld der Mobilen Apps aktiv zu werden bzw. sich auch als Archiv einzubringen – ganz abwegig ist dies nicht. Ein einfaches Beispiel wären diejenigen Applikationen, die sich als mobile Umsetzung einer städtischen Homepage darstellen (entsprechend unter Beteiligung der Archiv-Homepage).[18]

 

 

Digitale Strategie und Soziale Medien: Teil 2

Die Nutzung der Sozialen Medien sollte in die Digitalisierungsaktivitäten eines Archivs eingebunden sein – oder genauer: die Einbindung in eine digitale Strategie ist mitzudenken. Diese muss neben der Digitalisierung der Findmittel und der Archivalien bzw. Bestände auch deren Vermittlung umfassen: Eine nutzerorientierte Vermittlung namentlich mit denjenigen Werkzeugen, die das „Soziale Netz“ bietet.[19]

Wie hat man sich diese Einbindung in einem kleineren oder mittleren Archiv vorzustellen? Zuerst eine Grundannahme: Wenn ein Archiv in den Sozialen Medien arbeitet, dann digitalisiert es auch sukzessive oder fallweise bzw. verfügt im besten Fall bereits über digitalen Content. Digitale Inhalte sind aber auch oft wesentlich früher angelegt worden – etwa (ganz banal) im Fall von digitalen Fotoaufträgen; die Frage der systematischen Ablage (etwa nach Beständen) und die Frage der Einbindung in den Kontext der Findmitteldatenbank sind hier wichtig. Wenn ein digitaler Inhalt für Facebook, Twitter oder z.B. eine Fotoplattform genutzt wird und dafür neu erstellt wird, dann ist umgekehrt die Einbindung in die digitale Ablage bzw. Datenbank obligatorisch; ebenso wichtig ist eine einheitliche Benennung der Dateien. Diese Überlegungen erscheinen zunächst simpel, müssen aber gerade in kleineren Einrichtungen (und zweifellos nicht nur dort) immer wieder benannt und umgesetzt werden. Ein Beispiel: Im Speyerer Stadtarchiv wurde über viele Jahre hinweg selbstverständlich digitalisiert (etwa für Fotoaufträge und Ausstellungen). Das entsprechende Laufwerk („Mediaordner“) ist unsystematisch aufgebaut und orientiert sich nicht an der Tektonik des Archivs; es umfasste im Jahr 2011 ca. 1,5 TB und ist bis heute auf das Doppelte angewachsen – und dies trotz vieler Bemühungen, die 2011 verstärkt vorangetriebenen Digitalisierungsaktivitäten zu kanalisieren. Fazit: Der „Mediaordner“ wird und muss zukünftig wesentlich überarbeitet oder auch „aufgelöst“ werden. Wir sind recht bald dazu übergegangen, von Grund auf weitere Serverstrukturen aufzusetzen. Dort erfolgt dann die Ablage der erzeugten JPEGs oder auch TIFFs nach der Archivtektonik; von dort erfolgen dann auch die Verknüpfungen mit der Datenbank (inklusive Online-Präsentation und Vermittlung in den Sozialen Medien). Die neuen (NAS-)Laufwerke haben den „Mediaordner“ mengenmäßig erheblich überholt; im Frühjahr 2015 werden 7 TB Kapazität erreicht sein.

Workflows für die Digitalisierung und die Weiterverarbeitung der erzeugten Inhalte sind selbstverständlich auch in kleineren Archiven und bei überschaubaren Digitalisierungsaktivitäten sinnvoll. In diesen Bereich fällt aber auch die Einbindung der Sozialen Medien – sie sollten ebenfalls in den Workflows mitbedacht werden (sofern natürlich vorhanden bzw. genutzt). Auch hinsichtlich der Frage, welche Archivalien oder Bestände vorrangig zu digitalisieren sind, spielen die Präsentationsmöglichkeiten im Netz keine geringe Rolle: Nicht immer werden das Ziel, eine immer größere Anzahl an Findmitteln sowie eine ebenfalls wachsende Anzahl zumindest ausgewählter Archivalien oder kompletter älterer Bestände (etwa bei den Urkunden) online zu präsentieren und durchsuchbar zu machen, mit den Wünschen der „Interessierten Öffentlichkeit“ konform gehen. In diesem Zusammenhang spielt natürlich auch immer eine Rolle, wie und wann Mittel zur Digitalisierung verfügbar sind – kurz gesagt und um nochmals das Speyerer Beispiel anzuziehen: Im Stadtarchiv stehen zwar ein großformatiger Scanner und mehrere kleinere Geräte zur Verfügung; aber trotzdem sind wir sehr froh, wenn wir Projektmittel für die Digitalisierung verwenden können oder zum Beispiel eine Form von Public-Private-Partnership im Bereich familiengeschichtlicher Quellen eingehen können.[20]

Aber zurück zu den Archivalien selbst: Sogar bei spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Amtsbüchern, Ratsprotokollen und Urkunden kann über das Netz Aufmerksamkeit und Interesse hervorgerufen werden. Dies gilt dann noch weit mehr für familiengeschichtlich relevante Unterlagen: Die Community der Genealogen ist zum einen sehr im Netz aktiv, sie nutzt die neuen Sozialen Medien für den Austausch; und andererseits: viele Genealogen sind bereit, aktiv an der Erarbeitung der relevanten Quellen mitzuarbeiten. Und dies vermutlich wesentlich intensiver, als es die Archivare selbst könnten. Wir müssen nur den Mut haben, die Archivalien im Netz auch „loszulassen“ (aber dies geschieht schon dadurch ansatzweise, dass wir sie online stellen).

Aufgrund des Interesses des regionalen Publikums, das nun einmal für Kommunalarchive entscheidend ist, liegt ein weiterer Schwerpunkt der Speyerer Digitalisierungsaktivitäten bei den Fotosammlungen – die Digitalisierung erfolgt hier natürlich nicht „für“ die Sozialen Medien.[21] Die Präsentation erfolgt eher als (allerdings sehr gewünschtes) Nebenprodukt. Gute Erfahrungen wurden dabei auch in Fällen gemacht, in denen keine Identifizierung von Fotos oder von ganzen Serien möglich war bzw. ist.[22] Da wir derzeit mit vielen zehntausend zusätzlichen Scans von nahezu unerschlossenen (Foto-)Negativen der Nachkriegszeit rechnen, dürfte das Thema Crowdsourcing weiterhin auf der Tagesordnung bleiben.

Fotos und deren Digitalisierung verweisen aber auch darauf, dass die Nutzer im Netz bzw. in den Sozialen Medien höchst interessiert an der Vergangenheit sind. Die Vergangenheit interessiert umso mehr, wenn diese sich noch in der eigenen Kindheit oder Jugend oder zumindest in der der eigenen Eltern oder Großeltern spiegelt. Gerade bei Kommunalarchiven werden damit wiederum Phasen der Stadtgeschichte erreicht, die vielleicht nicht immer zufriedenstellend aufgearbeitet worden sind – etwa die Zwischenkriegszeit, das Dritte Reich oder auch die unmittelbare Nachkriegszeit. In diesen Fällen könnte nun der Versuch unternommen werden, mittels der Digitalisierung ausgewählter Archivalien bzw. von Fotos sowie durch deren Präsentation auf unterschiedlichen Kanälen Interesse zu wecken.[23]

Das Stadtarchiv Speyer betreibt seine stadtgeschichtlichen Aktivitäten im Web 2.0 seit einiger Zeit unter dem Schlagwort einer „Stadtgeschichte 2.0“. Der Hinweis auf die Web 2.0-Kanäle des Archivs wird kombiniert mit unseren weiteren digitalen Präsentationen und natürlich auch immer unter Hinweis auf unsere Findmitteldatenbank; dazu kommen weitere regionale Angebote anderer Träger, die sich gut in das Modell einer Online-Geschichtsvermittlung integrieren lassen – etwa die Zeitzeugeninterviews des Historischen Vereins oder eine Facebook-Seite, die sich mit sehr großem Erfolg der historischen Fotos über Speyer annimmt (und diese auch sehr gut erläutert).[24]

Wie viel zeitlicher Aufwand ist nun mit den genannten Aktivitäten verbunden?

Der Aufwand bleibt überschaubar. Größere vorbereitende Arbeiten waren und sind natürlich bei der Einführung neuer Anwendungen bzw. dem Aufbau neuer Angebote zu berücksichtigen. Gleiches galt für die Implementierung des gesamten Web 2.0-Projekts des Stadtarchivs, das im Jahr 2011 gemeinsam mit weiteren städtischen Stellen und beraten von der Speyerer Agentur Lange&Pflanz startete. Die reine Arbeitszeit (inklusive Vorbereitungszeit für die Beiträge usw.) in den Sozialen Medien beträgt derzeit pro Woche ca. zwei bis drei Stunden, verteilt auf mehrere Mitarbeiter/innen. Daneben kann es lohnend sein, auf das Engagement jüngerer Kollegen/innen zu setzen. Ohne diese hätten wir einige sinnvolle Wege nicht beschritten.[25]

 

 

Ausblick: Digitales Arbeiten – „Arbeitsorganisation 2.0“

Abschließend sei noch auf ein „Nebenprodukt“ der Arbeit in den Sozialen Medien verwiesen. Das Archivteam hat gelernt, sich mit verschiedenen Werkzeugen vertraut zu machen, die das Arbeiten im Netz, aber vor allem die örtlich versetzte Zusammenarbeit an Projekten erleichtern. Gemeint sind webbasierte Dienste zum Erledigen von Arbeitsprozessen, zur Kommunikation sowie zum Informations- bzw. Datenaustausch. An dieser Stelle werden nur wenige Beispiele genannt. Für eine vertiefte Beschäftigung mit der Materie sei auf die einschlägige Literatur verwiesen – sowie auf die Möglichkeit, die eine oder andere Anwendung einfach selbst zu testen.[26]

Vor allem bei der Nutzung von Twitter kann ein Social-Media-Dashboard interessant werden; mit diesem können die Accounts vernetzt und effektiver genutzt werden.[27]

Eine Arbeitsorganisation 2.0 kann auch die Nutzung von Videokonferenzen oder Chatprogrammen beinhalten – beispielsweise für die Vorbereitung von Veranstaltungen oder Projekten. Damit werden im Übrigen auch Reisebudgets geschont. Auch (Live-)Interviews sind online mittlerweile möglich.[28]

Ausstellungen, Projekte und Projektanträge lassen sich bequem über kollaborative Arbeitsumgebungen bearbeiten. Hier käme beispielsweise Google Drive in Frage; gleiches gilt für Cloud-Anwendungen[29], auch wenn dort die digitale Speicherung mehr im Mittelpunkt steht. Eine Überlegung wert sind auch Projektmanagement-Anwendungen.[30] Die Aufgaben eines Archivs lassen sich sehr gut über Anwendungen wie „Remember the milk“ steuern und verwalten. Nahezu alle Tools sind übrigens auch in einer kostenlosen Variante erhältlich (und trotzdem gut verwendbar).

 

 

[1] Die Folien der Präsentation sind im Netz abrufbar unter http://de.slideshare.net/StadtASpeyer/archiv-und-arbeitsorganisation-20-der-versuch-einer-annherung-in-einem-kleineren-archiv (abgerufen am 26.11.2014).

[2] Als „Zwischenbericht“ sei auf den folgenden Beitrag (unter Beteiligung des Stadtarchivs) verwiesen: Joachim Kemper (u.a.), Archivische Spätzünder? Sechs Web 2.0-Praxisberichte. In: Archivar 65 (2012), S. 136-143. Online unter: http://archive20.hypotheses.org/149 (abgerufen am 26.11.2014).

[3] Ein Beispiel ist die derzeit in Arbeit befindliche Handreichung der BKK zum Thema Soziale Medien. Vgl. den Vortrag zum Thema auf dem Deutschen Archivtag in Magdeburg (im Rahmen der Veranstaltung des Arbeitskreises Archivpädagogik und Historische Bildungsarbeit, 24.9.2014): http://de.slideshare.net/StadtASpeyer/social-media-in-der-historischen-bildungsarbeit (abgerufen am 25.11.2014).

[4] Vgl. http://archive20.hypotheses.org/413 (abgerufen am 25.11.2014).

[5] Vgl. auch zuletzt die intensive Diskussion rund um den Beitrag von Bastian Gillner im Blog „Offene Archive“ (Bastian Gillner, Wollen Archive (mehr) Nutzer?, http://archive20.hypotheses.org/2123, abgerufen am 26.11.2014).

[6] Dies war übrigens eine Forderung, die auf der letzten Konferenz „Offene Archive 2.1“ in Stuttgart im April 2014 dezidiert in der Schlussdiskussion angesprochen wurde. Vgl. Thekla Kluttig: Das Leben von Menschen bereichern. Bericht über die Tagung „Offene Archive 2.1 – Social media im deutschen Sprachraum und im internationalen Kontext“. In: Archivar 67 (2014), S. 298-301. Textfassung online unter: http://archive20.hypotheses.org/1947 (abgerufen am 25.11.2014).

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Taktik_(Milit%C3%A4r) (abgerufen am 25.11.2014).

[8] Zusammenfassung und Auflistung online unter: http://www.speyer.de/sv_speyer/de/Bildung/Abteilung%20Kulturelles%20Erbe%20-%20Stadtarchiv/Stadtgeschichte%202.0%20-%20stadtarchiv@web2.0/ (abgerufen am 25.11.2014).

[9] Link zur Homepage: http://www.stadtarchiv.speyer.de (abgerufen am 28.11.2014).

[10] http://kriegsfoto.hypotheses.org/ (abgerufen am 25.11.2014).

[11] http://speyermemo.hypotheses.org/ (abgerufen am 26.11.2014).

[12] http://speyer1945.blogspot.de/; http://speyererhausbuch1795.blogspot.de/ (abgerufen am 26.11.2014).

[13] Vgl.: insbesondere: http://archive20.hypotheses.org/; http://archives.hypotheses.org/ (abgerufen am 26.11.2014).

[14] http://de.pinterest.com/speyerarchiv/; https://www.flickr.com/photos/stadtarchiv_speyer/sets/ (abgerufen am 26.11.2014).

[15] Beispiel für eine Ausstellung mit QR-Codes (die Nutzer werden via Smartphone auf die Pinterest-Präsentation geleitet): http://de.pinterest.com/speyerarchiv/im-sch%C3%BCtzengraben-wilhelm-weber-1887-1964/ (Beispiel einer Pinterest-„Pinnwand“ zur Ausstellung „Mit der Feder des Soldaten Wilhelm Weber. Die Westfront in Zeichnungen“; 2014, Universitätsbibliothek Heidelberg bzw. Stadtarchiv Speyer).

[16] Dies gilt prinzipiell auch für ein Archiv, dass auf die Nutzung der Sozialen Medien setzt – auch in diesem Fall sollte die Smartphone-Nutzung selbstverständliche Realität werden.

[17] Verwiesen sei auch auf die Anwendungen, die das „Online-Einchecken“ beim Besuch einer Einrichtung ermöglichen – als Signal: „Ich bin hier“. Vgl. (neben den Möglichkeiten, die beispielsweise auch Facebook bietet): https://de.swarmapp.com/ bzw. https://de.foursquare.com/ (abgerufen am 26.11.2014).

[18] Beispiele für einen virtuellen Stadtführer in Form einer App (und unter Beteiligung des Stadtarchivs Speyer): http://blog.lpsp.de/speyer-1529-neue-app-von-langeundpflanz. Vgl. auch zuletzt: http://archive20.hypotheses.org/2229; https://www.mannheim.de/nachrichten/neue-bild-und-audiowalk-app-zur-stadtgeschichte-ns-zeit (abgerufen am 26.11.2014).

[19] An dieser Stelle sei auch auf ein Schaubild von Thomas Wolf verwiesen. Es ist im Nachgang zur ersten Konferenz „Offene Archive“ (Speyer, 2012) entstanden mit dem Ziel, eine digitale Strategie für das „Archiv 2.0“ zu definieren; im Zentrum steht die Nutzerorientierung. Vgl. http://archiv.twoday.net/stories/219025714/ (abgerufen am 27.11.2014).

[20] Beispiele sind die Digitalisierungen im Rahmen des EU-Projekts „Archivum Rhenanum“ oder andererseits auch die Mitwirkung am „Janus-Projekt“ von Ancestry. Vgl. http://archives.hypotheses.org/; http://www.janus-projekt.de/ (abgerufen am 27.11.2014).

[21] Die Digitalisierung der Fotos ist auch deshalb sinnvoll, weil in diesem Bereich sowieso zahlreiche „Fotoaufträge“ anfallen und wir somit Arbeit leisten, die in vielen Fällen zu erledigen wäre.

[22] Kleine Crowdsourcing-Projekte (via Flickr), vgl. https://www.flickr.com/photos/stadtarchiv_speyer/sets/72157636174785025/; https://www.flickr.com/photos/stadtarchiv_speyer/sets/72157630430898678/ (abgerufen am 26.11.2014).

[23] Beispiele aus dem Speyerer Bereich (Blogs): http://speyermemo.hypotheses.org/; http://kriegsfoto.hypotheses.org/; http://speyer1945.blogspot.de/ (abgerufen am 27.11.2014).

[24] Vgl. http://www.speyer.de/sv_speyer/de/Bildung/Abteilung%20Kulturelles%20Erbe%20-%20Stadtarchiv/Stadtgeschichte%202.0%20-%20stadtarchiv@web2.0/; http://historischer-verein-speyer.de/?page_id=341; https://www.facebook.com/pages/Speyer-in-alten-Bildern/ (abgerufen am 27.11.2014). Im September 2014 erhielt das Projekt „Stadtgeschichte 2.0“ eine Anerkennung durch die Stiftung „Lebendige Stadt“ (Hamburg): http://archive20.hypotheses.org/2069 (abgerufen am 27.11.2014).

[25] Genannt seien hier nur Michaela Hayer (jetzt Archivinspektorenanwärterin beim Niedersächsischen Landesarchiv), Doreen Kelimes M.A. (Speyer), Franziska Ochsenreither (Speyer, Auszubildende) sowie Elisabeth Steiger M.A. (Speyer / Universitätsarchiv Bayreuth).

[26] Julia Bergmann, Jürgen Plieninger, Arbeitsorganisation 2.0. Tools für den Arbeitsalltag in Kultur- und Bildungseinrichtungen. Berlin (u.a.) 2012.

[27] Zwei Beispiele sind die Anwendungen Hootsuite bzw. Tweetdeck.

[28] Beispiele: Skype; Hangouts (on air) – google.

[29] Beispiel: Dropbox.

[30] Beispiel: Zoho.

Ein Gedanke zu „Archiv- und Arbeitsorganisation 2.0

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