Sind alle Archive alt, verschlossen und antimodern?

Archivwahrnehmung

„Archive müssen insgesamt einladender, jünger, offener, progressiver werden. Geschichte ist immer so spannend, wie man sie präsentiert.“
Frank Schätzing über Archive, in: FAZ vom 26.9.2015, S. 18

Danke für den Hinweis an die Facebook-Timeline des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit!

20 Gedanken zu „Sind alle Archive alt, verschlossen und antimodern?

  1. Das hört sich ja erstmal griffig an. Aber was soll denn das konkret heißen? Da mir der Artikel nicht vorliegt, bringt so ein Zitat allein wenig. Deshalb nur der flapsige Einwand: Jünger können Archive, Archivarinnen und Archivare per se nicht werden. Über den Rest ließe sich reden.

    1. Die Rubrik „Archivwahrnehmung“ bietet u. a. die Möglichkeit, solch „flapsige“ Zitate zu veröffentlichen – quasi als Belegsammlung für die herrschenden Vorurteile gegenüber Archiven und Archivierenden. In diesem Fall ist es sogar bedauerlich, dass Schätzing, der durchaus intensiv in Archiven recherchiert hat, sich dieser Allgeminplätze bedient. Schaut man auf den verlinkten Facebook-Eintrag, geht die Schätzings Kritik weiter: „Woher wollen wir wissen, ob Karl der Große überhaupt gelebt hat? Aus Archiven. Ganz trauen kann man ihnen aber nicht. Ein Plädoyer für Skepsis, Phantasie und Humanität.“
      Leider ist der Artikel Schätzings nicht kostenlos einsehbar, so dass eine intensive Auseinandersetzung hier unterbleiben muss (?).

      1. Der Topos „nicht ganz trauen“ ist ja in der Medizin der Ärzteschaft schon länger bekannt: dort nennt sich das „mündiger Patient“. Auf das Archiv übertragen heißt das für mich, den Interessierten auf vielfältige Weise die tägliche Arbeit transparent zu machen, also etwa auch Bewertungsentscheidungen. In diesem Sinne bin ich gern „einladender“ und „offener“. Wenn ich damit auch noch jünger aussehen kann, gern 😉

        1. Die ebenso griffigen wie oberflächlichen Formulierungen Schätzings enthalten m. E. 2 Missverständnisse:
          1) Archive sind nicht nur Geschichtsvermittlungsinstitute, sondern zuerst Quellenbewahrer …..
          2) Archive enthalten nicht die alleinige Wahrheit – haben „wir“ das je behauptet? Die Archivinhalte müssen tatsächlich mit Skepsis (Quellenkritik) und Phantasie zum Leben gebracht werden. Dabei sind wir gerne behilflich und, wenn es kein anderer macht, machen wir es so gut wir es eben können. Beides zusammen hält uns jung. 😉

        1. Besten Dank für den Link auf den Beitrag Schätzings zur Arbeit der Archive.

          Ja gäbe es die finanziellen Engpässe nicht, dann könnte man mit einer Menge bestens ausgebildetem Personal, der neuesten Computertechnik, aktuellster Software und natürlich besten Raumbedingungen, einiges auf die Beine stellen.
          Vielleicht kann Herr Schätzing dazu beitragen, dass mal eine Stiftung ins Leben gerufen wird, die vor allem kleine bis mittlere Archive aktiv und vor allem unbürokratisch bei den dringendsten Aufgaben der Archivierung, der Sicherung von Archivgut sowie bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt.

  2. Nun ja, Illig und Konsorten als „ein paar gar nicht unnamhafte Historiker“ zu bezeichnen…

    M.E. spricht nichts dagegen, dass wir uns stetig mühen (noch) „einladender, jünger, offener, progressiver“ zu werden. Der Knackpunkt scheint mir die Forderung (falls sie denn ganz durchdacht war), Geschichte „spannend zu präsentieren“. Wir wären also gehalten, nicht nur möglichst einfachen Zugang zum Archiv zu ermöglichen, sondern auch unsere eigene (offenbar a priori ideologisch unverdächtige) Version der Geschichte beizutragen, Vermittlung zu leisten. Zumindest in der Schweiz läuft das jedoch dem starken Trend zuwider, sich auf die Ermöglichung von Zugang zu konzentrieren. An der letzten VSA-Fachtagung (http://vsa-aas.ch/wp-content/uploads/2015/07/20150911_VSA_FT_Programm.pdf) äusserte sich das in unwidersprochenen Aussagen wie dieser: https://twitter.com/th_schmid/status/642264315668623360 und darin, dass der Historiker/Archivar wieder einmal (nicht ganz unwidersprochen) abgeschrieben wurde.

  3. Als Archivar präsentieren ich keine Geschichte und habe das auch künftig nicht vor. Die Aufgabe der Archive sehe ich vielmehr in der Schaffung von Zugang, angefangen von der Bewertung und Erschließung bis hin zur physischen Vorlage im Lesesaal. Für einladend, jung und progressiv halte ich daher ein Archiv, wenn es ein ansprechendes, modernes Metadatensystem seiner (hoffentlich professionellen) Findmittel an den besten dafür vorhandenen Stellen präsentiert und dieses professionell und zielgruppenorientiert bewirbt. Attraktivität meint Professionalität.

    1. So professionell wir auch arbeiten mögen: die über den Archivarsberuf uninformierte Öffentlichkeit wird sich in der Regel nicht besonders mit „unseren“ Inhalten beschäftigen wollen – obwohl die (Re-)Konstruktion von Geschichte stark davon abhängt, was in Archiven getan und entschieden wird bei Bewertung, Übernahme, Erschließung.
      Die Aussage, als Archivar keine Geschichte zu präsentieren, ist (sicher nicht nur) im Bereich von Kommunalarchiven m.E. beruflicher Selbstmord: Hier ist der Archivar immer auch Vermittler, nicht nur derjenige, der Zugang schafft. Der Historiker-Archivar ist immer dort wichtig, wo die Öffentlichkeit, auch der Archivträger, die Erwartung hat, dass Geschichtsvermittlung durch Archive stattfinden muss.
      Ketzerische Frage: Würden Sie, Herr Kühnel, ablehnen, historisch zur Uni Bayreuth zu forschen, wenn ein Jubiläum ansteht und die Universitätsverwaltung Sie beauftragt?

      1. Entschuldigen Sie meine späte Antwort! Ich habe Ihren Kommentar leider erst jetzt entdeckt. Ja, da treffen Sie natürlich die „schwache Stelle“! Just in diesem Jahr haben wir unseren 40. Geburtstag und dafür eine Jubiläumspublikation herausgebracht. Die Zentralredaktion war in der Stabsabteilung Presse, Marketing und Kommunikation verankert, der bezeichnenderweise auch das Universitätsarchiv angehört. Die Arbeitsstelle der Redakteurin war örtlich im Archiv. Ich habe für das Büchlein vier Beiträge geschrieben, davon drei historische, die allerdings nicht zu umfangreich waren. Vielleicht darf ich das ja damit „entschuldigen“, dass es sich dabei quasi um die Geschichte der eigenen Institution handelt. Die zu erforschen und – vor allem – im Rahmen der Findmittel darzustellen – gut – das halte ich in der Tat für eine archivarische Aufgabe. Ich möchte mich aber da nicht aufdrängen. Schöner wäre auch hier das Engagement externer Forschung.

        1. Die externe Forschung würde ich auch im Stadtarchiv Greven begrüßen und als vorrangig ansehen. Unsere eigene Forschung steht mit der seltenen externen Forschung aber insofern in Zusammenhang, als wir uns einen immerhin nur zweijährigen Publikationsrhythmus unserer „Grevener Geschichtsblätter“ auferlegen, die wir im Fall fehlender geeigneter Aufsätze dann durch eigene Forschung kompensieren müssen.
          Insofern scheint die Praxis in unseren beiden Archiven gar nicht so unterschiedlich zu sein.

    2. Natürlich mache ich als Archivar Geschichte, ob ich will oder nicht. Bewertung produziert Geschichte, da ich, der Archivar, entscheide, was erhaltenswert ist und bei aller Bemühung um Objektivität kann ich unter Umständen eine Verzerrung nicht verhindern. Natürlich soll das der Geschichtsforscher bei der Benutzung durch Quellebnkritik merken, aber garantieren kann ich es nicht.
      Ich schreibe manchmal auch Geschichte. Damit positioniere ich das Archiv und seine Bestände, ob alt oder neu. Ich mache auch bei Unis aktiv Werbung für meine Bestände, um Nachwuchsforscher anzulocken, die mit meinen Beständen arbeiten wollen. Da mein kleinstädtisches Archiv nicht wirklich auf dem Radar der meisten grossen Historiker auftaucht, ist das nötig.
      Ganz toll sind natürlich Bestandesbeschreibungen auf dem Internet oder gar Findbücher bzw. Datenbankzugang. Damit liege ich, wie sehr viele Archive noch im Rückstand. Ich habe mittlerweile alle Bestandesverzeichnisse in digitaler Form, bis auf eines sogar in einem AIS nach ISAD(G) und mit ISAAR habe ich auch begonnen. Der nächste Schritt ist also vorgezeichnet.
      Ob es nutzt? Generiert das mehr Benutzer? Kommen die Benutzer überhaupt noch ins Archiv? Was passiert mit unserer Statistik, die wir zur Existenzrechtfertigung führen müssen? Kann ich Pagehits etc. meinen politischen Oberen vermitteln? Man wird sehen.

      1. Was die statistischen Daten aus dem Internet betrifft: Die Zahlen übersteigen unsere mäßigen Besucherzahlen um den Faktor 100. Dass es sich bei der Nutzung von Beständeinfos im Internet um Archivnutzung abseits des Lesesaals handelt, ist zumindest im Stadtarchiv Greven unstrittig und wird seitens der Verwaltung und Politik auch so zur Kenntnis genommen.

        1. Für mich ist es natürlich auch unbestritten, aber eben mein politisches Führungsgremium zeichnet sich derzeit nicht durch übergrossen technischen Sachverstand aus.
          Mal sehen vielleicht bekomme ich nächstes oder übernächstes Jahr die Mittel für die Bestandespräsentation im Internet. Im Notfall stelle ich die Daten ins APE. Dasselbe gilt für das Aufschalten von Digitalisaten (Kirchenbücher).

      2. Das stimmt schon, die Existenzberechtigung scheint sich allzuoft an der Nutzerzahl festmachen zu wollen. Als ehemaliger Stadtarchivar kann ich mehr als nur ein Lied davon singen. Nichtsdestotrotz bestehe ich gegenüber meinem Archivträger stets darauf, dass der primäre Zweck des Archivs die Sicherung von Nachvollziehbarkeit und Transparenz des Verwaltungshandelns sowie des aktiven und passiven Wirkens des Archivträgers ist, und dass Archive in demokratischen Gesellschaften ihrem Wesen nach die Existenzberechtigung dem bürgerlichen Anspruch auf eine derartige Sicherung von Rechtsstaatlichkeit verdanken. Ich verzichte dabei selten auf das Angebot, dies anhand bestehender Gesetze und Rechtsvorschriften zu illustrieren. Und ich muss sagen, dass diese Form eigener Transparenz in der kurzen Zeit des Bestehens meines Archivs bereits eine beachtenswerte Akzeptanz bewirkt hat.

        1. Danke für diesen sicherlich ebenfalls nützlichen Hinweis, das Bohren dicker Bretter beim Archivträger mit schärferer Feile vollziehen zu können.

        2. Sie haben natürlich recht. Das ist auch eines meiner Argumente. Aber die Existenz eines Archivs ist nicht zwingend an die Existenz eines Archivars gebunden. Hier in der Schweiz gibt es einige Dienstleistungsfirmen für Kommunalarchive, die Bewertung und Erschliessung vornehmen. Die Akten sind im Archiv und vorhanden, der Archivar existiert nicht.
          Benutzer sind trotz aller Bemühungen, die Erschliessung zu verbessern, wenigstens teilweise auf mich als Kenner der Bestände angewiesen, um rasch zum Ergebnis zu kommen.

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