Eröffnungsveranstaltung des 86. Deutschen Archivtages

Allgemein, Archivwahrnehmung, Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit

von Bettina Joergens

Zur Eröffnung des 86. Deutschen Archivtags in Koblenz 2016 hielt – nach der Begrüßung durch den VdA-Vorsitzenden Ralf Jacob und den Grußworten – der Journalist Georg Mascolo den Einführungsvortrag. Georg Mascolo ist der Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, die immer wieder mit politisch brisanten Recherchen auf sich aufmerksam macht und wichtige Debatten sowie Nachfragen anstößt (http://www.ndr.de/der_ndr/daten_und_fakten/Recherchekooperation-NDR-WDR-und-SZ,kooperationen100.html).

Mascolo leitete seinen Vortrag mit der rhetorischen Frage ein, warum er so lange auf die Einladung zum Archivtag warten musste. Er kam gerne, weil er Archiven viel verdankt. Sein heutiges Thema ist die Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus. Der Redner verwies mit dem Blick auf die Geschichte, dass dies nicht unbedingt ein neues Problem sei. Beispielsweise mahnt ein Journalist des Time Magazins aus dem Jahr 1947 die erforderliche Trennung von Meinung und Bericht an. Aber der Blick in die Vergangenheit sei kein Trost. Denn die Glaubwürdigkeitskrise entwickle sich rasant. Häufig würde der Journalismus als Teil des Problems wahrgenommen werden. Das größte Misstrauen komme von jüngeren Menschen und solchen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt seien. Vielfach schüren Laien in den sozialen Medien die Kritik außerdem am Journalismus. Viele Menschen, so Mascolo, „nehmen uns nicht ab, dass wir die Mächtigen kontrollieren“.

Daher sei es wichtig, die Selbstkontrolle der Medien zu stärken. Sie dürften sich nicht von dem Drang leiten lassen, im Produktionsdruck des „postfaktischen Zeitalters“ Emotionen und (falsche) Fakten   vorschnell zu liefern. Es macht Sorgen, dass heutzutage häufig Lügen ohne Konsequenzen blieben – was nicht nur der aktuelle amerikanische Wahlkampf vor Augen führe.

Georg Mascolo machte mehrere Vorschläge, wie aus seiner Sicht mit dieser Herausforderung umzugehen sei. Er betonte dabei, wie wichtig es sei, keine vorschnellen Urteile zu veröffentlichen. Gründlichkeit und die eigene Glaubwürdigkeit seien der „Goldstandard der Branche“.  Er sagte „Statt Zuspitzungen brauchen wir heute Zurückhaltungen.“ Da es häufig schon schwierig ist, die richtige Frage zu stellen, sei der Satz „Ich weiß es nicht“ fast schon eine Tugend. Besser sei es, Geduld zu fordern und zu klären, was bekannt und was nicht belegt ist. Die Medien trügen eine große Verantwortung für gesellschaftliche Stimmungen. Deshalb sei die Verdachtsberichterstattung zu kritisieren. Auch wenn Journalistinnen und Journalisten sich bemühen, früh eine Geschichte zu „haben“, so sei es wesentlich wichtiger, dass die Geschichte auch den Fakten entspreche. Dieser Anspruch sei oft schwer zu erfüllen, aber er müsse angestrebt werden, so Mascolo. Journalisten dürften nicht selbst die eigenen Regeln ignorieren und müssten selbst recherchieren – wohl wissend, dass sie häufig unter ökonomischen Druck stehen. Georg Mascolo schloss mit dem Blick ins Auditorium mit dem Satz: „Der Schreibtisch ist ein gefährlicher Ort für einen Journalisten, es sei denn, er sitzt an einem in einem Archiv.“

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