Rückblick 24. Kolloquium der Archivschule Marburg

Aktuelles, Allgemein

Ein Gastbeitrag von Christian Rausch

Am 24. und 25. Juni 2019 feierte die Archivschule Marburg ihr 70-jähriges Bestehen mit dem 24. Archivwissenschaftliches Kolloquium, diesmal zum Thema „Berufspraxis und Ausbildung. Archivarische Kompetenzen im 21. Jahrhundert“, und einer Ausstellung im Staatsarchiv Marburg. Anlässlich des Jubiläums erlaubte sich die Archivschule einen Fokus in eigener Sache: Zur Zukunft der archivarischen Fachausbildung.

Bot Raum für Diskussionen: Das 24. Kolloquium der Archivschule Marburg. Foto: Archivschule Marburg

Nach einer Eröffnungsansprache durch die Leiterin der Archivschule Marburg, Dr. Irmgard Christa Becker, und einem Grußwort von Bürgermeister Wieland Stötzel erfolgte der Eröffnungsvortrag von Geir Magnus Walderhaug von der Universität Oslo zum Thema „Archival education ‚for-ever‘ or ‚for-now‘“. Er plädierte für eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit des Archivarsberufs, spannte einen Bogen über die großen Fragen archivwissenschaftlicher Lehre und thematisierte manches Spannungsfeld, das später noch vertieft diskutiert werden sollte. So diskutierte er etwa die Bedeutung von Kompetenzen, das Bildungsideal lebenslangen Lernens und die Herausforderungen einer Verschränkung von Archivtheorie und der Archivtätigkeit als sozialer Praxis. Ebenso unterstrich er die positiven Effekte einer sozialen Auditierung der archivwissenschaftlichen Lehre, die ihren Gesellschaftsbezug deutlich stärken könnte.

In der nachfolgenden ersten Sektion, moderiert von Dr. Robert Meier, führte Christian Rausch von der Archivschule Marburg mit dem Thema „Was sind Kompetenzen in der Studiengangentwicklung?“ ein in das Feld der kompetenzorientierten Lehre, der Organisation von Kompetenzen im Bologna-Prozess und ihrer Integration in modularisierte Studiengänge. Hierauf aufbauend, erläuterte Prof. Dr. Martina Eckert von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW eine Untersuchung zur Kompetenzentwicklung an ihrer Fachhochschule. Ein interessanter Befund ihrer Studie war, dass die Relevanz vermittelter Kompetenzen sich in der Selbsteinschätzung der Studierenden deutlich unterscheidet von ihrer Bewertung im späteren Berufsleben.
Am Ende der Sektion thematisierten verschiedene Diskussionsbeiträge unter anderem die als problematisch erlebte Prüfungsbelastung in Bologna-Studiengängen, und ob es noch zeitgemäß wäre, eine laufbahngemäße Unterscheidung auf zu vermittelnde Kompetenzen des Bachelor- bzw. Masterniveaus zu übertragen. Es wurde deutlich, dass der Bologna-Prozess bei verwaltungsinternen Studiengängen zu einer Stärkung der Kompetenzorientierung für das gesamte Berufsfeld führt.

Christian Rausch sprach zum Thema: „Was sind Kompetenzen in der Studiengangentwicklung?“. Foto: Archivschule Marburg

Kompetenzen nach archivarischen Fachaufgaben
In Sektion zwei wurden Kompetenzen zu den archivarischen Fachaufgaben diskutiert, wofür zusätzlich zwei Seminarräume der Archivschule Marburg zur Verfügung standen. In der ersten Teilsektion unter der Leitung von Dr. Elke Koch vom Landesarchiv Baden-Württemberg diskutierten die Teilnehmenden über „die hohe Kunst der Bewertung – praktische Überlieferungsbildung und ihre Voraussetzungen“. Zentrale Charakteristika der sich veränderten Aufgabe wurden ebenso thematisiert wie auch ihre Qualitätsmaßstäbe, Aspekte und Problemfelder. Relevant sind neben der klassischen Bewertungstheorie vor allem aktenkundliche Kenntnisse für konventionelle und digitale Unterlagen. Anschließend wurden die Erwartungen der Ausbilder und Auszubildenden einander gegenübergestellt. Ein Fazit war die Zusammenarbeit von erfahrenen Mitarbeitern und Fachneulingen, ein weiteres die Notwendigkeit einer regelmäßigen Selbstevaluation.
In der zweiten Teilsektion diskutierten Dr. Francesco Roberg vom Hessischen Landesarchiv, Standort  Marburg, über die Herausforderungen beim „Abbau von Verzeichnungsrückständen“ und Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß vom Hessischen Landesarchiv, Standort Darmstadt, über Fragen der Bestandserhaltung mit den Teilnehmenden. Ein besonderer Fokus lag jeweils bei den hierfür spezifischen Kompetenzen, etwa (Projekt-) Management-Kenntnissen, Kommunikationsfähigkeit, Fähigkeiten zur Drittmittelakquise und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.
Die dritte Teilsektion unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Nieß vom Marchivum in Mannheim widmete sich den Aufgaben von Nutzung und Vermittlung unter dem Titel: „Mitten drin im Lern-, Erlebnis- und Forschungsort. Wie ein Kommunalarchiv genutzt wird und in die Stadtgesellschaft wirkt“. Hier wurde unter anderem Begeisterungsfähigkeit als Kernkompetenz diskutiert und die Notwendigkeit einer Reflexionsfähigkeit über die Rolle von Archiven in der Gesellschaft betont.

70 Jahre Archivschule: Ausstellung einer einzigartigen Studiengemeinschaft
Am Abend folgte die Eröffnung einer Ausstellung zu 70 Jahren Archivschule Marburg im Marburger Staatsarchiv. Zunächst begrüßten Prof. Dr. Andreas Hedwig als Hausherr sowie Ministerialdirigent Dr. Dirk Engel in Vertretung der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst die Anwesenden. Dr. Irmgard Christa Becker sprach als Leiterin der zu feiernden Institution und leitete über zu Dr. Robert Meier, der in die Ausstellung einführte und neugierig machte auf die ausgestellten Exponate. Diese folgen der bewegten Geschichte der Archivschule Marburg und ihrem Studienleben, widmen sich aber auch exemplarisch drei bekannten Persönlichkeiten der Ausbildungsinstitution. Die hohe Identifikationskraft dieser engen Studiengemeinschaft wird bei vielen der Exponate deutlich, etwa dort, wo sich einzelne Studierendenjahrgänge in umfangreichen Streitschriften kritisch mit ihr auseinandersetzen.

Am folgenden Morgen moderierte der Studienleiter der Archivschule, Dr. Karsten Uhde, die letzte Sektion zu übergreifenden Kompetenzen und einem Praxischeck der Ausbildung. Dr. Stefan Schröder vom LWL-Archivamt für Westfalen thematisierte die Notwendigkeit und Bandbreite von Management- und Führungskompetenzen in kleineren Kommunalarchiven. Selbst ein Ein-Personen-Archiv, so Schröder, benötige Führungskompetenzen. Sein positiver Befund wurde einhellig geteilt. Anschließend beschrieb Dr. Irmgard Christa Becker als Leiterin der Archivschule Marburg die zunehmende Kompetenzorientierung ihrer Ausbildungsinstitution. Auch wenn eine Umstellung der Ausbildungsgänge auf die Bologna-Strukturen noch nicht vollständig vollzogen sei, würde dem Grundgedanken der Kompetenzorientierung bereits durch zeitgemäße methodische Elemente in Unterricht und Prüfung Rechnung getragen, wozu in beiden Studiengängen die Vermittlung von Managementkompetenzen gehört.

„Erschließung findet an jedem Ausbildungsarchiv statt, AIP-Bildung nicht!“
Anschließend boten Marina Laube vom Hessischen Staatsarchiv in Marburg und Dr. Marco Birn, Leiter des Kreisarchivs Reutlingen, zwei individuell akzentuierte Rückschauen darauf, wie sie ihre Fachstudien an der Archivschule Marburg in ihrem Berufseinstieg anwenden konnten. Laube betonte die komplementäre Aufgabe der Fachstudien innerhalb der Ausbildung insbesondere für neue Kompetenzen im Bereich Digitalisierung, denn „Erschließung findet an jedem Ausbildungsarchiv statt, AIP-Bildung nicht“. Birn brachte anhand der Aufgaben seines ersten Berufsquartals eine eindrucksvolle Liste unterschiedlichster Herausforderungen zusammen. Rückblickend zog er für die Fachstudien im höheren Dienst eine positive Bilanz: Es gelinge, die große Bandbreite der in der Praxis benötigten Kompetenzen zu vermitteln. In der Diskussion wurde auf die prinzipielle Unterschiedlichkeit zwischen Lehrwissen und beruflicher Alltagssituation verwiesen. Eine Anforderung des Studiums sei es, die Übertragung des Gelernten zu trainieren.
In einer abschließenden Schlussdiskussion wurde durch die erfreulich vielen Beiträge derzeitiger Studierender an der Archivschule Marburg nochmals eine weitere Perspektive auf die umrissene Tagungsthematik eröffnet.
Das Kolloquium unterstrich eindrucksvoll den umfassenden Veränderungsprozess, in dem die Lehre an der Archivschule Marburg derzeit steht. Die Studierenden seien nicht mehr länger bloße Adressaten einer von oben verordneten Ausbildung, sondern stehen als Lernsubjekt zunehmend im Mittelpunkt einer modernen Bildungsvermittlung.

Hier finden Sie eine Dokumentation der Tagungsbeiträge und eine Bildergalerie.

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